Schlingern

Eine Erzählung von Wolfgang Palka
 

schlingern

Für Georg Trenkwitz

Ich sage dir, wir sind nur Schatten
Ich, du, und jene Andern aus der Menge.
Denn bist du gut; du hast es so gelernt,
Und bin ich ehrenhaft; ich sah’s nicht anders.
Sind jene Andern Mörder, wie sie’s sind,
Schon ihre Väter waren’s, wenn es galt.
Die Welt ist nur ein ew’ger Widerhall
Und Korn aus Korn ist ihre ganze Ernte.
Sie aber war die Wahrheit, ob verzerrt,
All was sie tat ging aus aus ihrem Selbst,
Urplötzlich, unverhofft und ohne Beispiel.
Seit ich sie sah, empfand ich daß ich lebte
Und in der Tage trübem Einerlei
War sie allein mir Wesen und Gestalt.

(Franz Grillparzer, Die Jüdin von Toledo)

© Wolfgang Palka, Wien
Alle Rechte vorbehalten

  

Erstes Kapitel

EIN ANWALT, Rosenegger, hatte mich angerufen und abgeholt vom Zug. Jetzt stand er in meiner Nähe am Grab. Viele Leute, die ich nicht wahrnehmen wollte. Das Geräusch der Gebete. Ein Ächzen, das nicht herauskam. Jemand drückte mir die Schaufel in die Hand, und ich schüttete Erde auf den Sarg.

In Georgs Haus dann ein Gefühl der Heimkehr, weil alles noch so vertraut, und ein Schuldgefühl, weil ich nichts mehr anzubieten hatte. Ich schlief in meinem Kinderzimmer, wenig: sinnlos, das Grübeln wegschieben zu wollen; oder ausmerzen den Geruch.

Daß Georg mir das Haus vererbt hatte, erfuhr ich von Rosenegger beim Frühstück. Er kam mit Semmeln. Das Haus und den Mercedes, Baujahr 1974, und überhaupt alles. Erinnerungen. Was sollte ich mit einem Haus, in Wartberg, am Land, der wunderschönen Gegend? Viel zu nahe bei Wien. Und mitten in meiner Kindheit.

„Wird schon wer anfechten“, sagte ich.

Rosenegger war nicht der Meinung. Er erzählte von Georgs Wunsch, „einen Hausverkauf nicht in Erwägung zu ziehen“.

Verkaufen war eine Idee. Ich lebte aus zwei Koffern, seit ich verschwunden war aus dem Weinviertel; in Pensionszimmern, Theaterwohnungen, auf Untermiete. Ich trennte mich von allen Sachen immer schnell, sammelte nichts. Kleidung etwa gab ich bei Kirchen ab. Bücher hatte ich bei jedem Ortswechsel Georg geschickt, ahnungslos: jetzt beerbte ich mich selbst: es war sicher alles da, säuberlich katalogisiert auf kleinen Karteikarten, mit Eingangsvermerk. Georg war Deutschlehrer gewesen, wie mein Vater, und er hatte Bücher geliebt, wie mein Vater, und das Haus war vollgerammelt damit.ers gespielt: heftiger, wütender. Sie war irritiert gewesen zuerst, hatte aber dann dagegen gehalten. Sie liebte mich, monströs: sie wollte die Distanz aufbrechen; sie hätte mich gern aufgegessen jeden Tag und mit sich herumgetragen. Jetzt witterte sie eine endgültige Chance. So voller Mitleid. Sie glaubte, mich trösten zu müssen. Ich war nur kalt.

Der Direktor bot mir einen Dreijahresvertrag an. Er war wieder einmal in der Vorstellung gewesen: das hatte ihm gefallen, die Entwicklung. Er wollte wieder mit mir arbeiten, und er wollte mich binden.

„Ich mache nur Stückverträge“, sagte ich.

„Ist das nicht unbefriedigend?“

Ich zuckte die Achseln.

„Sollte man nicht seine Heimat finden und dort wachsen und gedeihen?“ fragte er ernsthaft.

Die Arbeit mit ihm war schön gewesen und gelungen; ich war gar nicht abgeneigt; aber in Berlin war alles viel zu glatt gegangen. Berlin Heimat? Gisela war Heimat, wenn ich nicht aufpaßte. Ach, natürlich, die Binsenweisheit, daß jeder Halt und Heimat sucht, ob ers weiß oder nicht; aber noch war ich stärker.

„Stückverträge, allenfalls“, wiederholte ich. „Aber vielleicht mach ich überhaupt eine Pause.“

Ich hatte vorher nicht daran gedacht, eine Pause zu machen.

„Ich verkaufe das Haus und fahr nach Australien, zum Beispiel“, sagte ich, „in die Einöde.“

„Was für ein Haus?“ fragte er.

„Was soll man noch spielen nach dem Hamlet?“

„O, da gibts einiges“, lachte er.

Ich hoffte, er würde nicht noch einmal fragen nach dem Haus; es war mir herausgerutscht. Aber er fragte noch einmal.

„Ich hab ein Haus geerbt, in Österreich; irrtümlich. Aber wenn doch niemand Anspruch erhebt drauf …“

„Ein Haus im Grünen?“ fragte er.

„Ein Landhaus.“

„O, toll! Verkaufen Sie es mir.“

Er meinte es ernst. Es war mir unangenehm. Warum eigentlich?

„Vielleicht verkauf ichs auch nicht; dort ist auch Einöde“, sagte ich.

Blödsinn, ich redete Blödsinn, puren Blödsinn.

Flucht, unvermittelt. Rückzug, ehe die Krise auffällt als Krise; und bevor das Verhältnis Beziehung zu heißen anfängt. Gisela gekränkt. Anna, meine Ophelia, das Wesen, beobachtete uns. Dann fragte sie nach. Ich zuckte die Achseln.

„Du redest nie“, schmollte sie.

„Auf der Bühne wie ein Wasserfall.“

„Aber du erzählst nichts!“

Was erzählen? Von meiner Kindheit in Wien und Wartberg? Von meiner Mutter, an die ich mich nur vage erinnerte? Vom wirklichen Leben?

„Mein Vater ist tot“, sagte ich, „umgebracht von seinem Bruder, und der hat meine Mutter geheiratet, und ich …“

Sie wollte nicht Shakespeare, sie wollte meine Geschichte, die langweilige. Ich hatte nicht das Bedürfnis. Schlimm genug die Erinnerungen seit Georgs Begräbnis.

Ich war ein Schauspieler, in Sicherheit. Ich starb auf der Bühne und ging dann in die Kantine einen heben. Meine Mutter war vor Angst gestorben, ich bin sicher. Und mein Vater an Wien zugrundgegangen und an der Angst meiner Mutter, für die er die Schuld auf sich nahm, und an der Einsamkeit nach ihrem Tod. Er war zärtlich gewesen, leise, er war sanft gewesen und immer ein wenig hilflos, und manchmal hatte ich mich geschämt für ihn, wenn er stumm geblieben war, statt sich aufzuregen. Ja ja ja – jetzt war ich stumm. Nur Geschwätz oft und Text von Dichtern. Aber in ihm war diese unendliche Trauer gewesen, und in mir war nur Haß.

„Du verschließt dich wie … wie …“, Anna fiel kein Vergleich ein. Sie schüttelte zornig den Kopf.

„Bin ich dir was schuldig?“ fragte ich.

„Doch!“

„Was?“

„Ich hab dir immer alles erzählt!“

Anna, die wandelnde Krise. Sie suchte sich die unerreichbaren Männer aus oder gänzliche Arschlöcher. Und litt dann. Wer sie liebte, war verloren. Wer sie respektierte, geriet in die Falle ihrer Selbstverachtung.

Sie erzählte mir tatsächlich alles, ungefragt und unvermittelt. Gisela war anfangs eifersüchtig gewesen.

„Ich hör nur zu“, hatte ich gesagt.

Aber natürlich stand ich, so nah und so distanziert, auf Annas Liste. Zumal wir Landsleute waren: das spielte sie gern, das Länderspiel mitten im Feindesland, und ich war dabei.

Wo nahm sie das Selbstvertrauen her für die Arbeit, das Strahlen, die Begeisterung, und woher die Kraft? So verausgabt immer, so verloren?

Gisela erklärte mir, ich sei ein Arschloch. Vor jeder Vorstellung, statt zu grüßen. Die große Szene mit mir spielte sie immer rasender. Bei der Feier nach der letzten Vorstellung fing sie plötzlich zu weinen an.

„Vergib mir“, sagte ich.

„Nein!“

Warum sollte sie mir auch vergeben?

„Warum sprichst du nicht mit mir?“ klagte sie.

Ich zuckte die Achseln.

„Du verschwindest. Du sagst kein Wort und bist weg. Und nicht einmal jetzt!“

Ich senkte den Kopf. Ich wollte es über mich ergehen lassen. Sie schwieg aber; ging dann. Ich nahm mir vor, mich für ein Schwein zu halten. Und war erleichtert. Ich trank viel an diesem Abend. Annas strahlende Geschichte bekam ich kaum mit: sie hatte ein Angebot aus Wien. Sie lud alle zur Premiere ein. Fast tanzte sie. Sie war schön und wild. Und ich trank weiter.

Thomas bot mir Rollen an. Aber ich wollte weg. Rosenegger rief an, er brauchte mich in Wartberg, zur „Abwicklung“. Anna übersiedelte nach Wien. Mir war kaum klar, was ich wollte. Ich gab Sachen weg. Ich schlief viel. Giselas Tochter, 16, rief an, und ich traf mich mit ihr, und sie fragte, ob sie schuld sei.

„Nein“, sagte ich.

Das glaubte sie nicht.

„Ich muß allein sein“, sagte ich vage.

Ich ging mit ihr ins Kino. Ich lud sie ein, mich besuchen zu kommen, wo immer ich sein sollte.

„In Österreich?“ fragte sie. „Ich wollte schon immer einmal nach Österreich.“

„Ich fahr jetzt hin Dinge erledigen. Aber dann weiß ich noch nicht.“

„Wegen deinem Vater? Oder? Er ist gestorben?“

„Mein Ziehvater.“

„Du hast nie was erzählt“, sagte sie.

Ich zuckte die Achseln.

Ich stellte Blumen auf Georgs Grab. Es hatte geschneit, noch einmal, im März. Das sah schön aus. Alte Friedhöfe schauen überhaupt schön aus, auch im Sommer.

Rosenegger hatte alles vorbereitet. Ich unterschrieb. Er fragte, was ich tun wollte mit dem Haus.

„Verkaufen“, sagte ich.

Er nickte resigniert.

„Es gibt Interessenten. Es hat sich herumgesprochen.“

„Gut. Machen Sie das irgendwie.“

„Ein paar Geier aus Wien.“

Ein guter Anwalt, Rosenegger, Georgs Anwalt. So leicht hingesagt, wie nebenbei.

„Ich will mir die Leute aussuchen“, sagte ich.

„Aber, wenn Sie nicht da sind …“

„Jetzt bin ich da.“

„So schnell wirds nicht gehen, wahrscheinlich, wenn Sie wählerisch sind.“

„Ich kann herkommen.“

Er nickte, befriedigt.

„Was mach ich mit dem Auto?“ fragte er.

„Kann ich damit herumfahren?“

„Sicher“, er grinste.

Es war ihm ein Anliegen, all das, nicht nur ein Job. Er hielt mir wieder Papiere hin zum Unterschreiben und auch einen Meldezettel.

„Wenn Ihr Hauptwohnsitz in Deutschland ist, müssen sie es dort anmelden, und wir können jetzt nur …“, sagte er.

„Ich hab nirgends den Hauptwohnsitz.“

So zog ich ein in das Haus; aber meine zwei Koffer bereit immer; ich schlief in meinem Kinderzimmer, veränderte nichts. Und fuhr in der Gegend herum mit dem alten Mercedes, gemütlich, in immer größeren Kreisen durchs Weinviertel, dann im Waldviertel.

Und endlich doch nach Wien. Einkaufen. Es wurde Frühling.

Ich fuhr in die Stadt hinein, den Kai entlang zum Ring, und hatte Glück mit einem Parkplatz, als ich abbog bei der Oper.

Es bedrückte mich nicht. Wien bedrückte mich nicht. Ich hätte mich fürchten müssen – so hatte ich mir das jahrelang vorgestellt. Aber alles gefiel mir irgendwie. Manisch Kreise, immer weiter, um zu erkunden, was ich noch kannte. Vieles war verändert. Die Verbrechen der Bauwirtschaft. Dennoch schön. Aber was war so schön?

Ich stöberte in Buchhandlungen. Ich kaufte immer Bücher, süchtig. Wem sollte ich sie schicken, später, wenn alles erledigt war, das Haus verkauft, aus der Einöde irgendwo, wo es heiß war? Meine Bücher sollte jemand bekommen, der Bücher liebte, nicht irgendjemand. Es war ein Problem. Ich saß im Diglas und blätterte und las und grübelte.

Später wollte ich ins Hawelka auf ein paar Buchteln. Es war Ruhetag. Ich kaufte eine Hose. Beim Meinl Lebensmittel, Delikatessen, teuren Alkohol – ich hatte so eine Idee, mich luxuriös zu betrinken bis zum Verlust all meiner Sinne.

Ich soff auch, am Abend in Wartberg, und ich verschwand völlig.

Das Landleben. Nach über zehn Jahren Stadtleben überzeugt, nicht anrührbar zu sein von guter Luft und Sonne. Ich hätte nicht im Frühling zurückkommen dürfen. Was braucht ein Theatermensch eine Sonne? Ich hatte sie nicht vermißt. Die Natur, wie sie aufbrach. Und die Leute: freundlich, zart fast. Sie hatten ihn sehr gemocht, meinen Ziehvater, das hatte ich vergessen; oder nicht bemerkt, damals, zu sehr mit mir beschäftigt. Womit aber jetzt beschäftigt? Mit dem Schuldgefühl, weil Georg gestorben war, ehe ich wußte, wer er war? Weil ich ihn schlecht behandelt hatte – meine Revanche für die Bücher, das Theater, die Musik? Und Georgs Rache, daß er mir das Haus vererbt hatte und die Heimat? Georg war gütig gewesen, wie mein Vater. Und ich hatte sie gehaßt, beide, für diese Güte, die ich nicht lernen wollte.

Sollte ich mir Arbeit suchen? Als Kellner vielleicht, als Lehrer, Buchhalter, unbegabt, verworren und unglücklich wie sowieso?

Ich fuhr nach Wien ins Theater.

In Wartberg die Sonne, in Wien das Theater. Ein Leben des Müßiggangs und des Grübelns. Einsam. Kultur. Das Lesen. Und kaum Alkohol mehr nach dem einen Exzeß. Irgendwie lächerlich. Wollte ich gesund werden? Oder was wollte ich?

Im April traf ich Anna im Volkstheater. Zufällig. Wenn das ein Zufall denn sein soll, das Unvermeidliche. Ich sah sie im Foyer bei der Abendkassa und stellte mich hinter ihr an.

„Entschuldigung“, sagte ich mit verstellter Stimme, deutsch-deutsch, „ist das richtig, heute der Zigeunerbaron?“

„Nein, das ist hier nicht die Volksoper, vielleicht …“

Sie hatte sich umgedreht und erkannte mich und starrte mich an, blaß, erschreckt.

„Ich hab von dir geträumt letzte Nacht“, flüsterte sie.

Sie war so voller Vorbedeutung immer. Sie umarmte mich, lachte. Wir bekamen Karten nebeneinander.

„Was machst du in Wien?“ fragte sie.

„Ich bin extra hergefahren, um dich zu treffen.“

„Nein“, sie glaubte es eine Sekunde lang.

„Probierst du schon?“ fragte ich.

„Nein. Unser Hauptdarsteller hat sich den Fuß gebrochen. Wer weiß, ob wir überhaupt. Ach, wenn du doch Zeit hättest!“ Sie strahlte mich traurig an.

„Leider“, sagte ich rasch.

Wir hatten es gut getroffen mit der Vorstellung, die wir sahen: ein amerikanisches Anti-Militär-Stück in einer schnellen, präzisen Aufführung ohne Firlefanz.

„Gefällts dir?“ fragte Anna.

„Sehr gut.“

„Das ist mein Regisseur, Ignaz Hronek“.

„Gut für dich.“

„Wenns dazu kommt.“

„Wird schon werden.“

„Ich treff ihn wahrscheinlich nach der Vorstellung. Willst du ihn kennenlernen?“

„Wozu?“

„Man weiß ja nie. Wenn du von Berlin genug hast …“

„Niemals in Wien“, sagte ich.

Aber ich ging mit nach der Vorstellung, ich war hungrig.

Hronek, ein Mittvierziger, kahl, nervig, schien irritiert, daß Anna nicht allein auftauchte. Er gab mir nur flüchtig die Hand und zog sie beiseite, um auf sie einzureden. Er schien irgendetwas loswerden zu müssen. Dann beruhigte er sich, leicht deprimiert. Das Essen kam. Ich aß schnell. Die Stimmung war unangenehm.

„Weißt du“, sagte Anna, „wir haben wieder eine Absage gekriegt.“

„Es wird doch ein paar Schauspieler geben“, sagte ich.

Hronek, düster, winkte ab: „Sie haben ja keine Ahnung!“

„Na ja, nicht viel.“

Anna, sprunghaft, verbiß sich ein Lachen. Hronek bemerkte es nicht.

„Er kennt sich schon aus“, sagte Anna.

„Ja?“ Hronek war nicht besonders interessiert. „Sind Sie auch beim Theater?“

„Maskenbildner“, sagte ich wichtig.

„Schöner Beruf.“

„Ein sehr schöner Beruf. Anstrengend oft, denn manche Schauspieler sind wirklich – nun – wie soll ich sagen – lästig.“

„Ohne die Schauspieler hätten Sie Ihren schönen Beruf gar nicht“, sagte Hronek streng.

„Ist auch wieder wahr“, gab ich zu.

Ich bestellte mir ein Cola. Anna stieß mich heimlich mit dem Fuß an und zwinkerte mir zu.

„Na ja“, sagte Hronek großzügig, „Sie haben ja recht: Schauspieler sind oft lästig.“

Er versank ins Grübeln wieder. Annas Lachen war weg.

„Weißt du nicht einen?“ fragte sie.

„Nein“, sagte ich, „zumal ich ja nicht einmal weiß, um was für ein Stück es geht.“

„Aber das hab ich doch lautstark verkündet in Berlin!“

„Da war ich besoffen.“

„In Berlin arbeiten Sie?“ fragte Hronek.

„Ja.“

„Wir suchen einen Alfonso.“

Mir blieb das Herz stehen.

„Für die Jüdin?“ fragte ich.

„Ja“, Hronek sah mich erstaunt an.

„Mein Ziehvater war Deutschlehrer“, erklärte ich schnell.

„Ach, deshalb.“

Anna stieß mich wieder an mit dem Fuß. Aber ich wollte nicht drauf achten.

„Die Deutschlehrer“, sagte Hronek, „sind ja schuld dran, daß jeder glaubt, Grillparzer ist langweilig und ein Klassiker.“

„Dieser Deutschlehrer nicht“, sagte ich. „Und die Jüdin von Toledo war sein Lieblingsstück.“

Die Jüdin war auch eins meiner Lieblingsstücke, seit jeher. Und der Alfonso eine Rolle, von der ich träumte seit jeher. Nur – in Wien wollte ich nicht spielen, nichts, auch den Alfonso nicht.

„Fällt Ihnen wer ein?“ fragte Hronek.

„Nein“, sagte ich.

Hronek versank wieder in sich hinein.

Anna beugte sich zu mir und flüsterte mir ins Ohr, warum ich nicht zugeben wollte, daß ich Schauspieler sei.

„Wozu?“ fragte ich.

Zuerst hatte sie gelacht, jetzt war sie unzufrieden.

„Was spielst du denn als nächstes?“ fragte sie leise.

Ich zuckte die Achseln.

„Er hat dir doch was angeboten! Er wollte uns doch beide wieder!“

„Ja, aber ich wollte nicht.“

„Was wolltest du nicht?“

„Ich erzähls dir später.“

Sie ließ aber nicht nach.

„Ich bin nicht mehr in Berlin“, sagte ich.

„Aber wo bist du?“

„In Niederösterreich.“

„In Niederösterreich gibts kein Theater.“

„Du vergißt St. Pölten.“

„In St. Pölten bist du?“

„Nein. Ich wohne in Niederösterreich. Urlaub, Pause.“

Sie bekam riesige kreisrunde Augen vor Verblüffung.

„Das heißt, daß du Zeit hast!“

„Das heißt, daß ich keine Zeit habe. Und aus!“ zischte ich. „Du wirst mich hier nicht anpreisen. Und ich arbeite in Wien nicht.“

„Warum nicht?“

Ich zuckte die Achseln.

„Heißt das“, sagte sie, „daß ich vielleicht die Jüdin nicht spielen werde, weil du Urlaub machen mußt?“

„Du verdrehst da etwas“, sagte ich.

Hronek wurde aufmerksam.

„Was ist los?“ fragte er matt.

„Er läßt mich im Stich!“ schrie Anna. Sie heulte.

„Wer?“

Sie deutete mit dem gestreckten Finger auf mich. Hronek sah mich verwirrt an.

„Inwiefern?“ fragte er.

„Er hat Zeit eigentlich, aber er will lieber Urlaub machen!“

„Aha“, Hroneks Verwirrung nahm zu. „Ihr seid ein Liebespaar.“

„Nein nein“, sagte ich, „sie will mich als persönlichen Maskenbildner, aber ich hab lieber Urlaub.“

Anna ging auf mich los mit beiden Fäusten. Ich versuchte, ihre Handgelenke zu erwischen.

„Du bist kein Maskenbildner, du bist ein Arschloch!“ schrie sie.

Es gelang mir, sie festzuhalten. Sie riß, aber ich war stärker. Sie ließ nach langsam; weinte, ich ließ sie los; sie schneuzte sich. Hronek sah ihr aufmerksam zu; sah dann mich an.

„Ich hab keine Ahnung, worums geht“, sagte er, „aber das ist ja vielleicht auch besser so.“

Er lehnte sich zurück.

„Das ist kein Maskenbildner“, schluchzte Anna. „Das ist Lorenz Singer, mein Hamlet aus Berlin.“

„Und er macht Urlaub?“

Anna nickte. Hronek saß jetzt kerzengerade auf seinem Sessel, hellwach. Er grinste schief.

„Gut gespielt“, sagte er. „Eigentlich hätte ich Sie erkennen müssen, ich hab den Hamlet ja gesehen. Aber so ist das, wenn man sich andere Sorgen macht …“

„Ich such keine Arbeit“, sagte ich.

„Hab ich gehört. Aber – nun – wenn die Arbeit Sie sucht?“

„Kann mich nicht finden.“

„Er will nicht spielen in Wien“, sagte Anna bitter.

„Warum nicht? Sie sind doch Wiener? Selbstverachtung?“

Ich zuckte die Achseln.

„Oder“, sagte Hronek, „Sie haben sich dem deutschen Größenwahn ergeben.“

„Nein nein“, sagte ich matt, „ein Gelübde.“

„Ein Gelübde?“

„Ich hab keine Ahnung, warum ich nicht spielen will in Wien. Angst?“

„Angst ist gute Energie“, sagte Hronek, müde.

Wir verstummten.

Ich ging aufs Clo und anschließend nicht mehr zum Tisch zurück; zahlte an der Bar und verließ schnell das Lokal.

Anna war eine wunderbare Schauspielerin. Als Typ auch richtig für Rahel, die Jüdin, dunkel und manisch. Hronek uneitel, sein Rhythmusgefühl für Grillparzer wesentlich. Der Alfonso eine Rolle, die ich unbedingt spielen wollte. Eine Pause machen? Die Vergangenheit ausradieren weiterhin? Wien auslöschen, den Nährboden, die Heimatstadt? Wozu? Warum nicht in Wien Theater spielen? Ich hatte große Angst zu versagen natürlich. Ich wollte mich nicht konfrontieren mit mir selbst und meiner Angst natürlich. Ich war immer bisher geflüchtet in dem Augenblick, in dem es schwierig geworden war: Nähe selbstverständlich, Fremdheit nicht aufrechtzuerhalten. Und nun wieder? Fluchtgefühl?

Auf der Fahrt nach Wartberg war ich sehr unzufrieden; und nicht, wie ich gedacht hatte, erleichtert, davongekommen zu sein.

Ich konnte nicht schlafen in dieser Nacht; holte mir die Grillparzerbände und las die Jüdin: schnell, gierig. Es dämmerte schon, als ich fertig war. Ich legte das Buch auf den Tisch. Ich saß angespannt da, und ich spürte dieses Verlangen, mich in diesem Stück aufzuhalten und aufzulösen. Wie die Gier nach einer Frau, die unerreichbar ist.

Sie würden einen finden. Wer würde den Alfonso nicht spielen wollen? Sie würden einen herauskaufen aus seinem Vertrag, und ich haßte ihn jetzt schon, diesen Schauspieler, ich gönnte es ihm nicht.

Ich schlief dann fast den ganzen Tag. Und träumte wild in Grillparzer-Versen. Am Abend war ich bei meinem Nachbarn eingeladen, einem Weinbauern, mit dem ich in die Schule gegangen war in Horn. Ein witziger, freundlicher Bursche mit vier kleinen Kindern und einer wunderschönen Frau, die Lehrerin war in Eggenburg. Wir tranken seinen Wein, auf den er stolz war; und er spielte mir seine Stones-Platten vor, und die beiden tanzten heftig. Und die Kinder tauchten auf und sahen ihren Eltern zu beim Tanzen, bis die sie wieder ins Bett scheuchten. Und ich lehnte in einem Stuhl und betrank mich langsam und feierlich.

Unzufrieden, unruhig. Tage ohne Sinn und Verstand, lustlos. Ich blieb im Haus und saß herum und starrte vor mich hin. Alles widerlich; ich wollte verschwinden wieder, aber ich war da und konnte mich nicht rühren.

Anna kam gegen Abend. Ich saß im Wohnzimmer vor dem Fernseher mit einer Flasche Wein und schaltete zwischen den Kanälen hin und her, von einem schwachsinnigen Vorabendprogramm zum anderen und wieder zurück, als es klingelte. Ich erwartete meinen Nachbarn oder sonst jemanden aus dem Ort, der vielleicht was brauchte. Aber es war Anna, aufgeregt, aber auch zurückhaltend, vorsichtig.

„Hallo“, sagte sie, „ich …“

Sie stockte. Ich hielt ihr die Tür auf. Sie kam herein.

„Stör ich dich?“ fragte sie.

Ich verneinte.

Mir klopfte das Herz bis zum Hals. Der Impuls, ihr um den Hals zu fallen, dem ich nicht nachgab. Worüber freute ich mich eigentlich?

Ich bot ihr Wein an, drehte den Fernseher ab.

„Hast du Hunger?“ fragte ich.

„Nein.“

Sie schwieg, saß verlegen auf ihrem Sessel.

„Und wie hast du mich gefunden?“ fragte ich.

„Ich hab im Theater angerufen in Berlin.“

„Und was willst du?“ Ich wußte, was sie wollte.

„Dich überreden“, sagte sie schnell.

„Sinnlos.“

Man mußte mich nicht mehr überreden; man mußte mir nur Ort und Zeit nennen.

„Vielleicht will ich nie mehr Theater spielen“, sagte ich.

„Und was willst du sonst tun?“

Ich hatte keine Ahnung. Auch wars eine Lüge.

„Wohnst du allein hier?“ fragte sie.

„Ja.“

„Es gehört dir, das Haus?“

„Ja. Aber ich wills verkaufen.“

„Im Hof könnte man schön probieren, im Sommer.“

Ich mußte lachen. Nichts im Sinn als Theater, das Weib. Sie lächelte, immer noch vorsichtig.

„Ich hab mir soviel zurechtgelegt …“, sagte sie.

„Na, dann los.“

„Du bist die Idealbesetzung“, sagte sie.

„Ich weiß.“

„Dann spiels! Spiels doch!“ Es brach aus ihr heraus, sie stampfte mit dem Fuß auf. Ich grinste. Langsam ließ ich nach. Ich stand auf, heiter, dehnte mich.

„Wenn ihr keinen besseren findet …“, sagte ich.

„Es gibt keinen besseren.“

„Du sollst mir nicht so schmeicheln, Anna. Und ich bin nicht zu überreden, wenn ich nicht will.“

„Aber warum willst du denn nicht!?“ fragte sie verzagt.

„Ich will ja“, sagte ich leichthin.

Sie begriff es nicht gleich. Sie wollte mir was entgegnen, stockte, starrte mich an.

„Was?“ fragte sie.

Ich grinste.

„Ich muß mir irgendein Zimmer suchen in Wien“, sagte ich.

Tränen rannen ihr über die Wangen. Sie stand auf und taumelte auf mich zu und faßte mich und hielt mich fest, und es schüttelte sie vor Glück.

„Wir werden aber scheitern“, sagte ich.

„Ja. Aber grandios.“

Dagegen war nichts zu sagen.

Zweites Kapitel

IM ABENDLAND nach einer Abendprobe. Festgefahren. Hronek nur noch und Anna, die nicht aufhören konnten, zu reden über das Stück, manisch. Dabei hatte ich die Probleme. Anna hatte sich hineingestürzt, Wachs, sich in die Sätze und Situationen schmiegend. So leicht und wild. Während ich nichts spürte. Die Lieblingsrollen, zu nahe dem Selbst, das sich aufgeben müßte. Hronek war unzufrieden, konzentrierte sich auf Anna, ließ mich in Ruhe – geduldig: er bemerkte, daß ich fleißig war, textsicher, vorbereitet mit szenischen Ideen; zwar leer, kalt … Nur Benedikt, der Dramaturg, kahl wie Hronek, aber fetter und mit ihm befreundet, redete manchmal auf mich ein, erklärte mir den Zen-Buddhismus: vom Loslassen. Jaja, mein lieber Stanislawsky. Es ekelte mich, daß ich so sehr wie diese perfekten DDR-Clones agierte, die ich verachtete: machen machen; ausgeklügelt Schraffuren, Choreographie eines gefühllosen Körpers. Was wars denn? Wien, die Angst? Oder Unfähigkeit, Größenwahn?

Anna kicherte. Ich hörte hin. Hronek erzählte leichthin, daß seine Frau, nach 20 Jahren, sich von ihm getrennt hatte.

„Sie verwirklicht sich jetzt selbst“, sagte er, „sie hat ein PR-Unternehmen gegründet – und so. Und das Kind pendelt zwischen uns.“

Er lachte. Etwas verzerrt.

Anna glühte, hing an seinen Lippen. Wahrscheinlich, weil er den Frauen irgendwie abzuschwören sich bemüßigt fühlte, immerzu in diesem Tonfall, als wärs nichts. Er sei jetzt Vater, plapperte er, er war betrunken: mit der Tochter, in der Arbeit, Vater, er sei durchflutet von der Weisheit des Schmerzes, verloren in Kunst und Einsamkeit.

Und mit dem Gefühl wollte er Grillparzer inszenieren?

Oder doch, gerade: er war geil auf Anna, wie Alfonso auf Rahel, und redete das eine, während das andere ihm geschah, nichts wissend von sich, aber überzeugt, alles im Griff zu haben, wie dieser König, den es trieb nur; und auch Hronek, wahrscheinlich, würde in die Unangreifbarkeit zurückkehren, wie jener, zufrieden mit der Mörderrolle, erleichtert hinwegsteigend über die Leiche seiner Leidenschaft.

Ich saß zurückgelehnt, stumm; eifersüchtig; ungewiß nur, auf wen von den beiden. Die hatten die Köpfe zusammengesteckt, leiser jetzt. Ich versuchte nicht mehr zuzuhören.

Zwei Frauen setzten sich an den Nebentisch. Eine ältere, 60 vielleicht, und eine etwa dreißigjährige: dunkelhaarig, groß, bleich, die Augen dunkel; es fiel mir auf, wie sie sich bewegte, von oben bis unten, ungewiß; schöner Körper, uneitel. Sie saß nahe bei mir, halb von mir abgewendet. Sie bestellten. Sie redeten nicht viel; ein paar Sätze über „Nora, Ein Puppenheim“: offensichtlich kamen sie aus dem Theater.

Anna zupfte mich.

„Du starrst sie an“, flüsterte sie.

Ich grinste, ertappt.

Die ältere Frau plötzlich bleich, ein ängstlicher Schmerzenslaut; sie kippte vom Sessel. Mein Sessel krachte zu Boden, als ich hinstürzte zu der Frau. Ich wollte mich bemühen, aber ich hatte keine Ahnung. Anders Anna, die neben mir auftauchte. Sie griff nach dem Puls, massierte irgend. Die jüngere Frau, völlig verstört, kniete, hielt den Kopf der Gestürzten im Schoß.

„Mama! Mama!“ rief sie.

Hronek verkündete, daß er die Rettung anrufen würde. Die Wirtin kam mit einem nassen Tuch. Anna wollte auf die Rettung nicht warten; bestellte ein Taxi. Die Frau war wach, lethargisch; sie lächelte ein wenig, wie schuldbewußt, als Hronek und ich sie hinaustrugen. Anna fuhr im Taxi mit den beiden Frauen. Hronek nahm mich auf dem Fahrrad mit, tatsächlich, auf der Stange. Er fuhr hervorragend, obwohl er nicht besonders nüchtern war. Das Ereignis belebte ihn.

„Eine Lebensrettung!“ schrie er und schwitzte.

„Verschreis nicht!“ rief ich.

„Was?“ er verstand mich nicht. Er lachte laut.

Später, im Krankenhaus, standen wir bei der Kranken am Bett; sie mußte bleiben, eine Nacht nur wahrscheinlich. Sie war heiter jetzt. Man hatte sie behandelt. Sie entschuldigte sich, uns Mühe gemacht zu haben.

„Lächerlich“, sagte Hronek. Er schwitzte noch immer.

„Das Herz, wissen Sie“, sagte die Frau.

Sie stellte sich vor.

„Liebig“, sagte sie, „Sophie Liebig; und meine Tochter, Klara.“

Wir murmelten unsere Namen, drückten ihr die Hand.

Klara saß bei ihrer Mutter am Bett. Sie war stumm, aufgerissen, noch bleicher als vorher; noch immer geschockt. Sie hielt ihre Mutter an der Hand; wie um sich festzuhalten.

Man schickte uns weg dann, auch Klara. Wir begleiteten sie nach Hause, es war nicht weit; sie wohnte in der Grillparzer Straße. Hronek, sein Rad schiebend, lachte hellauf, irrsinnig. Entschuldigte sich, als er sah, daß Klara zusammenzuckte.

„Es ist nur“, sagte er, „wir probieren gerade ein Grillparzer-Stück.“

„Aha“, sagte Klara.

Sie schien nicht besonders viel zu begreifen. Anna hatte sich bei ihr eingehängt, führte sie, wie eine Kranke.

Beim Abschied, vor der Haustür, lud uns Klara ein, wenn ihre Mutter wieder gesund sei, auf Kaffee und Kuchen. Sie wollte sich noch unsere Telefonnummern aufschreiben, fingerte nach einem Zettel in ihrer Tasche; zitterte, streute Sachen aus. Anna, erstaunlich praktisch, wollte sie zu sich mitnehmen.

„Aber ich muß erreichbar sein“, murmelte Klara.

„Dann schlaf ich bei dir“, sagte Anna.

Klara wollte widersprechen, aber Anna nahm ihr den Schlüssel ab, sperrte die Haustür auf, winkte und verschwand mit Klara.

„Tolles Weib“, sagte Hronek glänzend.

„Etwas verwirrt, seltsam.“

„Verwirrt?“ schrie er. „Wieso verwirrt?!“

„Du meinst Anna?“

„Ja, natürlich, Anna, natürlich!“

Ja, er meinte Anna. Und ich, auf dem Weg in meine Pension, nachdem Hronek wild weggeradelt war, stellte mir vor, zwischen Anna und Klara zu liegen, in diesem Augenblick, ganz still, eingehüllt von ihrem Geruch, die Wärme ihrer Körper spürend, und auf ihren Atem zu lauschen.

„Das Begehren“, dozierte Benedikt, „trifft ihn wie ein Schlag.“

„Sei nicht kindisch“, sagte Hronek. „Du sollst nicht immer von dir auf andere schließen.“

Er war voller Energie und heiter. Wir probierten inständig.

„Aber doch“, sagte Benedikt, „wie ein Schlag!“

Benedikt liebte die Bedeutungen, starke Effekte, Momente von Gefühlsüberschwang, das Unspielbare.

„Wenn du das spielst, was der sagt, bring ich dich um“, sagte Hronek.

Anna kicherte. Hronek spielte es vor, Benedikts Vorschlag: er starrte Anna an, riß die Augen auf, den Mund, streckte sich, sprang, und fiel nach hinten um. Gelächter. Benedikt war beleidigt.

„Aber so meine ich das doch nicht!“ schrie er.

Zwei Tage später waren wir auf der Bühne für eine Woche; und alle Verzweiflung beim Scheitern des Übertragens vom kleinen Probenraum auf die große Bühne, wie immer. Aber ich kam nicht heraus aus dem Loch. Vollkommener Krampf meine große Szene mit der Königin, der Gattin. Nichts, was wir uns ausgedacht hatten, funktionierte. Ich schwitzte, aber der Krampf rann mit dem Schweiß nicht ab. Franziska, die die Königin spielte, hatte die Verzweiflung schon hinter sich, es lag nicht an ihr. Hronek wurde immer stiller. Nach 3 Stunden bat Franziska um eine Pause. Hronek nickte ergeben.

„Denk über eine Umbesetzung nach“, sagte ich, bevor ich in die Garderobe ging, um zu weinen. Ich kam nicht dazu. Franziska tauchte auf mit ängstlichen Augen, feucht.

„Aber wieso willst du, daß ich umbesetzt werde?“ fragte sie, völlig verwirrt. „Ich weiß, es ist noch nicht gut, aber …“

„Aber du doch nicht! Alles, was ich mache, ist vollkommen katastrophal.“

„Aber …“, sie war erleichtert, sie lachte.

„Wir sollten es aufgeben.“

Hronek stand in der Tür.

„Bist du besoffen?“ fragte er.

„Um schlecht zu sein, muß ich nicht trinken.“

„Ich hab an dir nichts auszusetzen.“

„Ein Regisseur – ein Lügner.“

Ich setzte mich vor den Spiegel. Was sollte ich sagen? Franziska stand beim Fenster. Hronek schloß die Tür, sachte.

„Du bist fleißig“, sagte er.

Ich zuckte die Achseln.

„Du bist fleißig und unerbittlich, es wird schon werden.“

„Unerbittlich, das stimmt“, sagte Franziska.

„Du bist ein Vorbild“, sagte Hronek, „ganz unwienerisch. Die gewöhnlichen Wiener Schauspieler begnügen sich mit ihrem Talent.“

„Dann müßte ich mich begnügen mit nichts.“

„Ich hab den Hamlet gesehen“, sagte Hronek. „Ich kenn dich besser.“

Er hatte keine Ahnung. Lob löste den Krampf nicht. Was für Pädagogen! Zum Wegschmeißen.

Hronek wollte auf mich einreden.

„Laß es“, sagte ich. Und er schwieg eine Weile.

„Willst du aufhören für heute?“ fragte er dann.

„Nein.“

Es wurde nicht besser.

Am Abend waren wir bei Sophie und Klara eingeladen. Anna kam zu mir in mein Pensionszimmer, um mich abzuholen.

„Du hast dich getäuscht, Anna“, sagte ich. „Ich kanns doch nicht.“

„Wenn dus nicht kannst, kanns niemand.“

„Blödsinn!“

Sie faßte mich bei den Schultern und schüttelte mich. Ich schüttelte sie auch. Sie lachte. Und ich weinte plötzlich. Sie wurde ganz mitleidig und wollte mich trösten, aber ich stieß sie zurück. Ich versteckte mich unter der Bettdecke und rollte mich ein, ganz Wehleidigkeit.

Anna umarmte mich durch die Decke. Ich tauchte auf, drehte mich zu ihr.

„Wenn du mich umarmst, wenn ich weine, werde ich geil“, sagte ich.

„Na schön“, sagte sie, heiter.

„Dann fick ich dich und hasse dich.“

„Ach“, sagte sie leichthin, „was du so redest …“

„Was du alles bereit bist zu tun“, sagte ich, wütend.

„Was meinst du?“

Sie folgte ihren Instinkten, ein Tier. Ich starrte sie an. Ihr Blick war hingebungsvoll, lockend, neugierig; sie hatte keine Angst.

„Du mußt nicht mit mir vögeln, damit ich nicht aussteige.“

Jetzt lachte sie.

„Komm“, sagte sie, „wir müssen gehen, wir sind spät dran.“

Sie nahm mich bei der Hand und zog mich hoch vom Bett.

Seltsame Stimmung. Sophie unterhielt uns; Klara brachte Kaffee, Wein, Kuchen und dergleichen. Die Wohnung riesig, geschmackssicher karg. Jazzplatten aus Sophies Sammlung, leise schöne Musik. Hronek hatte die Plattenhüllen in Händen. Anna heiter, selbstgewiß. Klara still, langsam, sie hörte kaum zu.

Anna beugte sich zu mir.

„Du starrst sie an“, flüsterte sie.

„Ja?“

„Ja, sicher!“

„Sie bemerkt es nicht.“

„Sie ist auf Tabletten, glaub ich.“

Hronek schaute zu uns herüber.

„Du sollst nicht flüstern, Lorenz, mein Kind“, sagte er.

Anna kicherte.

„Bist du eifersüchtig?“ fragte ich.

„Natürlich. Ihr gehört alle mir, ich dulde keine Heimlichkeiten unter meinen Sklaven.“

„Hören Sie“, sagte ich zu Sophie, „was er so aus sich herausplappert? Und es ist wirklich so: wir sind eine große Familie mit einem tyrannischen Vater.“

Sophie lächelte: „Es muß ein schöner Beruf sein.“

„Regisseur? – Ja, sicherlich.“

„Nein, Schauspieler – das Leben zu spielen – alles leben zu dürfen, alle Gefühle, wirklich alle …“

„Ja“, sagte Anna, „das ist wirklich schön.“

Sophie kannte das Stück: „Ist es nicht ein allzu dynastisches Stück mit dieser Untertanen-Tendenz: der König, der einsieht, daß die Pflicht wichtiger ist als die Liebe?“

„Es ist nicht von Schiller“, sagte Hronek. „Es ist ein Stück über sexuelle Abhängigkeit und Selbstverlust, und die Rückkehr zur Pflicht ist die Schuld, eine fatale Lösung; wenn mans Schuld nennen will, daß der gute König Alfonso sich als ziemlich feiges Arschloch herausstellt.“

„Das kann nicht sein“, sagte ich; ich ließ nichts kommen auf mich.

„Weil du das spielst?“ fragte Hronek. Aggressiv, wenn auch in der Leichtigkeit des so nur Hingesagten. „Weil du“, fuhr er fort, „aus dem Hamlet nicht heraus willst, spielst du den Grübler, den Zauderer; aber der zaudert ja nicht, der verliert sich und gibt es nicht zu.“

Ja, richtig. Alfonso, der immerzu behauptet, alles im Griff zu haben, während sich sein Selbst, alle Gewißheit, vollständig auflöst. Und der Punkt meiner Unfähigkeit der offenbar, daß ich von Selbstverlust so sehr gefährdet war, daß ich ihn nicht einmal mehr auf der Bühne riskieren wollte. Ich hätte wegbleiben sollen von dieser Stadt und von diesen Menschen, die mich ansahen, freundlich, die auf etwas von mir warteten. Auch Klara, die sich konzentriert hatte.

„Und er rettet sich am Schluß? Wie rettet er sich am Schluß?“ fragte sie.

Klaras Stimme, dunkel, etwas belegt jetzt, fast rauh; und die Frage drängend.

„Sie töten seine Geliebte“, sagte ich, „seine Frau und die Schranzen, und er schäumt und kündigt ein Blutgericht an. Und um sich aufzustacheln für seine Rache, oder um zu weinen, geht er hin zu Rahels Leiche, allein, ganz außer sich. Und kommt ruhig zurück und sagt, daß er nichts empfunden hat bei ihrem Anblick und daß sie eigentlich gar nicht schön war, daß ers nicht mehr versteht. Es ist weg, das Ziehen und Zerren, er hat sich wieder, seine Grenzen wieder, er ist wieder im Kriegerkörper und zieht sogleich auch in die nächstgelegene Schlacht.“

„Und das soll kein Arschloch sein?“ fragte Hronek.

„Nein. Arschloch – es ist schlimmer – bevor er sie kannte, Rahel, die Jüdin, hatte er kein Bewußtsein davon, jetzt weiß er, daß er nicht lebt, und begnügt sich damit.“

Und doch, natürlich, er war widerlich, und ich mußte es endlich zugeben und widerlich werden; nein, hergeben endlich meine Grindigkeit; nicht immer nur die edle Wut und den Haß der Leidenschaft: den Spießer, der ich war.

„Aha“, sagte Klara. Faszinierend: sie saß da mit ihrem schönen, bleichen Gesicht, aber in sich hinein verschwunden, nur dieser Körper, dessen Geruch ich vermeinte zu riechen, wenn ich sie nur ansah, und es war kein Duft, sondern der irritierend-verlockende Geruch von Trauer und Elend.

Sophie und Hronek redeten vom Antisemitismus plötzlich. Daß Grillparzer kein Antisemit sei, Rahels Vater im Stück, so Hronek, nicht einfach ein antisemtisches Klischee, daß in diesem die Väter, starr in ihren Verhaltensmustern, angeprangert seien, wenn von Anprangern denn die Rede sein müsse.

„Isak ist ein Arschloch“, sagte er, „nicht weil er Jude ist, sondern er ist einfach ein Arschloch, genauso wie Garcerans Vater, der ein Antisemit ist. Und überhaupt wird eine antisemitische Gesellschaft beschrieben, Isak ihr Produkt, einer, der sich anpaßt und das Klischee erfüllt.“

Hronek, der Denker.

„Willst du mir den Grillparzer jetzt entnazifizieren?“ fragte ich.

„Das muß ich nun wirklich nicht!“

„Nein, aber auch die Absolution kannst du dir sparen.“

Warum war ich wütend? Was redete ich so viel? Und dieses Bedürfnis, Richtiges zu sagen, das Geschwätz zu überspringen und mit Worten sowas wie Wahrheit zu erreichen?

„Absolution?“ fragte Hronek.

„Aus der sicheren Entfernung von 140 Jahren alles zu wissen über den Antisemitismus des 19. Jahrhunderts und die Guten und die Bösen zu scheiden diesbezüglich, ist doch wirklich peinlich. Nimm deinen eigenen Antisemitismus und gib dir selber die Absolution, wenn du kannst.“

Anna starrte mich an.

„Du bist Jude!“ flüsterte sie.

„Nein, Singer, die Nähmaschine.“

„Was?“

So dumm war sie nicht, wie sie jetzt schaute. Sie war eigentlich überhaupt nicht dumm. Sophie lachte, fast schallend. Hronek grinste.

„Aber – entschuldige – du hast ja niemals …“, Anna war verwirrt, gekränkt.

„Das ist dein persönlicher Antisemitismus, Anna“, sagte ich, „daß du erschrickst, daß es dich fasziniert und daß du nicht weißt, ob du mich nicht schon beleidigt hast, als Jude.“

„Das versteh ich nicht.“

„Umso besser. Du kannst mich nicht beleidigen, außer wenn du jüdische Witze schlecht erzählst. Ich bin kein Jude, ich bin Schauspieler.“

Es war still eine Weile. Diese Stimme, meine Stimme: kalt und scharf. Was wollte ich eigentlich?

„Nun“, Sophie zögerte, sah mich mild-traurig an, gab sich einen Ruck: „Ihr Selbsthaß – der ist sehr jüdisch. Und – es tut mir leid.“

Sie erinnerte mich an Georg. Ich zog sie an offenbar, die gütigen Menschen.

„Selbsthaß oder nicht“, sagte ich, „völlig gleichgültig.“

Schweigen. Lorenz Singer, du hast nichts zu sagen. Nicht einmal auf der Bühne, seit du versuchst, in deinem Lieblingsstück deine Lieblingsrolle zu spielen. Vielleicht deshalb plötzlich das Bedeutungsgeschwätz in einem fremden Wohnzimmer.

Klara sah mich freundlich an; mitleidig, schien mir. Ich wollte von Klara nicht bemitleidet werden.

„Der Selbsthaß ist das Schlimmste“, sagte sie leise, sanft. Es war mit großer Gewißheit gesagt. Und ich hatte das dringende Bedürfnis, zu ihr hinzugehen, sie zu umarmen, sie zu küssen und zu kosen. Ich wollte sie an der Hand nehmen und hinausführen und ihr draußen, im Vorzimmer, die Kleider vom Leib reißen.

Mein kompliziertes Geschwätz, statt des üblichen gewöhnlichen, mein Bedeutungsplappern nichts weiter als der Versuch, mich vor Klara in Szene zu setzen. Ich hatte sie fünf Sätze sagen hören, etwa, bisher. Ich kannte sie nicht. Ich begehrte das geheimnisvolle Fleisch, die süchtige Seele, das Scheitern. Ich mußte weg, ehe ich anfing, ihr die Füße zu waschen, oder, schlimmer, weiterhin mich aufzuspielen als ewiger Jude, der mit 2000 Jahren Schmerz protzte.

„Ich muß gehen“, murmelte ich und stand auf.

Hronek und Anna blieben noch. Klara begleitete mich zur Tür. Sie umarmte mich zum Abschied, entschieden, freundlich; sie lächelte, als ich hinausging.

Ich zitterte auf dem Weg nach unten. Ich rannte den ganzen Weg zu meiner Pension. Aber es nützte nichts. Ich hatte Klaras Körper gespürt bei dieser lächerlichen, unbedeutenden Umarmung, und das Gefühl blieb wie eingebrannt in meinen Körper, ich hatte ihren Geruch in der Nase, und er hatte sich dort festgesetzt. Tatsächlich ein seltsamer Geruch, fremd und verlockend.

Ich lag auf dem Bett und fürchtete mich, hingerissen. Und plötzlich Anna, nackt und bloß. Und ich benutzte Annas Fleisch gegen das andere, das verschwand, für zwei Stunden zirka, in denen wir übereinander herfielen, gierig, und diesmal schrie ich und starb den kleinen Tod tatsächlich; wie noch nie so heftig und so verzweifelt.

Wir redeten nicht danach. Wir hielten einander umschlungen im Schlaf. In der Früh war alles vage, nicht unangenehm, leer aber. Sie sagte nichts. Wir verabredeten nichts.

Schutzbefohlen mir selbst, hatte ich immer schon vorsichtig gelebt. Du sollst dich nicht verzehren. Und staunend die Süchtigen angestarrt, beneidet manchmal. Meine Süchte nur Gewohnheiten: das Fernsehen, Alkohol mitunter; das verlor sich auch wieder. Der Haß, entschieden, gedeckt, verstohlen; zuletzt aufgebrochen. Aber mit dem Verschwimmen des Hasses brach das Leben in mich hinein. Die selbstgefällige Gleichgültigkeit wich der selbstgefälligen Wehleidigkeit. Ich war von Fleischeslust ergriffen. Und ich konnte nicht mehr spielen. Das andere Leben – da es nicht mehr genügte als Ganzes, implodierte es: Geräusch, bloßes Schwitzen.

Meine Frauengeschichten – je distanzierter ich war, umso begehrter; je gleichgültiger, umso geliebter. Und manchmal hatte ich darüber nachgedacht, ob ich je mit einer Frau nackt gewesen war. Mit Anna pudelnackt in dieser Nacht. Obwohl sie nicht gemeint war. Und benetzt von Anna, nach Anna riechend, roch ich Klara wieder, begehrte Klara, träumte ich von Klara.

Aber warum und diese Fremde? Mit 35 der Überschwang, den ich als 20jähriger nicht gekannt hatte, nicht einmal in der Pubertät. Meine Sehnsucht waren die Weiber nicht gewesen. Die Liebe war mir zugefallen immer, und ich hatte sie verachtet.

Ich war so wütend gewesen. Stumm oder in ein Spielen vertieft, düster. Ich hatte sie gern ausgebremst, alle. Und auch zugeschlagen, wenn einer sich stärker vorgekommen war und aufgerissen hatte sein Maul. Die selbstgewissen Grinser mit dem Anspruch auf Gefolgschaft hatte ich immer verprügeln wollen, diese hirnlos-groben Alphatiere. Und hatte es versucht. Ich war nicht sehr groß gewesen, erst spät auf 1,80 nachgewachsen, aber ich war schnell gewesen und hemmungslos, bereit zu jedem Risiko, die Furcht überspringend in eine panische Furchtlosigkeit. Das begriffen sie nicht. Und auch nicht, daß ich keine Versammlungen abhielt. Bald hatten sie aufgehört, sich mit mir anzulegen; und ich hatte eine Ruhe von den Kämpfen, die mir gar nicht recht war.

Daß ich die Lehrer verachtete …

Auch die Regisseure hatten es schwer mit mir später, wenn sie blöd waren, und die meisten waren blöd. Aber ich wurde ruhiger; sparte meine Kräfte für die Arbeit.

In der Schaupielschule, in München, hatte ich Glück. Als Typ brauchbar. Meine Wut, die sie für Fleiß hielten, war ihnen so unheimlich, daß sie mich immerzu loben wollten. Und ich holte heraus aus diesen Lehrern, was sie hatten. Und sie waren ja nett. Im letzten Jahr dann eine Lehrerin, neu, eine im deutschen Sprachraum berühmte Schauspielerin, jung noch, eine Verrückte, schwer gefährdet: wütender als ich, verzweifelter, wirklich einsam, und sie räumte mir die frisch gewonnenen Sicherheiten ab und trieb mich tief hinein in den Irrwitz, den sie Wahrheit nannte. Sie begriff, daß ich mir auf der Bühne das Herz herausreißen wollte, und sie brachte mich dazu, es tatsächlich zu tun. Sie war mir unheimlich; ich bewunderte sie; einmal sogar eifersüchtig: als sie einen Mitschüler, den ich verachtete, vernaschte, beschimpfte ich sie. Sie ohrfeigte mich unvermittelt, hart.

„Mit dir fick ich auf der Bühne jederzeit“, sagte sie. „Im wirklichen Leben erst, wenn du wirklich lebst.“

„Aber mir gehts nicht um Sex“, sagte ich kläglich, erschrocken.

„Aber mir – um die Liebe und um das Begehren. Und du bist nur auf dich selber geil.“

„Ja ja“, sagte ich, „aber was willst du dann mit dem Trottel, dem unbegabten?“

„Wenns dich auch nichts angeht, begabter Trottel“, grinste sie, „ich genieße sein dummes, duftendes Fleisch und seine verwirrte Freundlichkeit. Natürlich, er ist langweilig, letztlich. Aber du mit deinem Harem bist nicht spannender als er.“

„Ich will sie alle nicht“, sagte ich.

„Genau“, sagte sie ernsthaft, „das ist der Punkt. Und das ist auch die Grenze deiner Begabung: daß du nichts liebst und niemand, nicht einmal dich selbst. Der Haß reicht nicht aus.“

Drittes Kapitel

ER WAGTE NICHT, einfach Kontakt mit ihr aufzunehmen. Er ging ihr heimlich nach, voller Selbstverachtung, süchtig, mißtrauisch. Er verfolgte sie beim Einkaufen, zur Apotheke, auf ausgedehnten Spaziergängen. Oft war sie wie in Trance, oder hektisch und nervös, verwirrt; zweimal, am Abend, folgte er ihr zu Lokalen; sie war allein, blieb allein, kam betrunken wieder heraus, taumelnd, einmal fiel sie, und er wollte schon zu ihr hin, aber sie rappelte sich auf und wankte weiter, ehe er sich aus seiner Erstarrung lösen konnte.

Und dann sah er Hronek mit ihr und Sophie, angeregt plaudernd, sie stiegen in ein Taxi, und er verlor sie. Er war selbst wie in Trance. Und auch auf den Proben manchmal wie besoffen, obwohl er nicht trank in dieser Zeit. Anna wich ihm aus. Die Szenen mit ihr waren kalt und mechanisch. Hronek schien ihn aufgegeben zu haben. Auch war er so mit Anna beschäftigt, daß es ihm vielleicht gar nicht auffiel, wie einförmig und langweilig Lorenz seinen Text, brav seine Situationen abspulte. Er sah sie miteinander schmusen, Anna und Hronek, in ihrer Garderobe, in die er, um etwas zu fragen, hineinging. Anna lachte schuldbewußt. Hronek grinste. Lorenz ging wieder; deprimiert; kalt vor wütender Eifersucht. Und die Eifersucht wuchs, als er Hronek wieder mit Klara und Sophie sah. Diesmal gelang es ihm, ihnen zu folgen; sie gingen schnellen Schrittes im 2. Bezirk herum; mitunter blieben sie stehen, und Sophie erklärte. Einmal bogen sie weit vor ihm um eine Ecke, aber als auch er um diese Ecke bog, standen sie keine 20 Meter von ihm entfernt, Sophie wieder erklärend. Er zuckte zurück. Er hatte den Eindruck, Klara habe ihn bemerkt; er rannte weg.

Er war so panisch und so versessen darauf zu fliehen, daß er nach Wartberg fuhr; von dort rief er an im Theater und meldete sich krank.

Nachdem die Panik etwas nachgelassen hatte, am nächsten Tag, setzte er sich in den Garten und versuchte, sich mit dem Stück zu beschäftigen. Neu lesen, so etwa, als habe er sich noch nicht damit auseinandergesetzt, neue Neugier, zurückzuspringen an den Anfang, vor das Scheitern. Es gelang nicht. Er saß da und starrte auf das Buch. Es ekelte ihn. Er setzte sich in einen Liegestuhl unter einen Sonneschirm. Er legte den Kopf zurück und schloß die Augen und versuchte, den Kopf leer zu machen, nicht zu grübeln. Dann schlief er ein.

Als er aufwachte, plötzlich, sah er zuerst Hronek. Später Nachmittag, fast Abend. Auch Anna war da – und Klara mit ihrer Mutter. Sie standen um ihn herum und schauten auf ihn hinunter.

„Was ist?“ stammelte er.

„Ich mach mir Sorgen“, sagte Hronek streng.

Lorenz schüttelte den Kopf: „Du machst dir keine Sorgen um mich.“

„Um die Produktion aber.“

„Unmensch“, sagte Lorenz.

Er wollte die Augen wieder schließen und öffnen wieder, und dann sollten sie verschwunden sein. Aber sie verschwanden nicht.

„Schön hast dus hier“, sagte Hronek, grob. „Kein Wunder, daß du …“

Anna stieß ihn an.

„Was ist?“ Hronek war wütend. „Darf ichs nicht sagen? Daß er Scheiße spielt? Er ist äußerlich fleißig, aber in Wirklichkeit schont er sich. Ich will sein Herz sehen blank, oder ich tret ihn hinaus.“

Lorenz lachte, höhnisch.

„Willst du mir alles wegnehmen?“ fragte er. „Ich bin selbst gegangen.“

„Was alles nehm ich dir weg?“

Lorenz zuckte die Achseln.

Hronek beugte sich zu ihm hinunter, packte ihn, versuchte ihn aufzuzerren. Aber Anna riß ihn weg zur Seite.

„Er hat einen Schmerz, das Arschloch!“ schrie Hronek. „Er soll mit seinem Schmerz scheißen gehen!“

Jetzt Klara und Sophie. Lorenz konnte Klara nicht ansehen.

„Warum sind Sie denn weggelaufen?“ fragte Sophie.

Diese unendliche Güte wieder, diese vielen Funken des Verstehens und, schlimmer, die Unbedingtheit des Verstehen-Wollens.

Und dann nur noch Klara. Sie saß auf einem Hocker neben dem Liegestuhl.

„Ich bin wütend“, sagte Klara sanft.

Lorenz hatte die Augen geschlossen.

„Hörst du mir zu?“ fragte Klara.

„Ja“, krächzte Lorenz, ohne die Augen aufzumachen.

„Du beschattest mich“, sagte Klara, „wie lange schon? Ich habs ja sicher nicht gleich bemerkt …“

„Schon lange.“

„Sehr witzig. Und warum?“

Er zuckte die Achseln.

„Übst du für ein Stück – für was für ein Stück? Die Jüdin hab ich gelesen, dafür kanns nicht sein …“

„Nein, ich übe nicht.“

„Warum dann?“

Sie wartete. Er machte die Augen auf. So schön, dieses Gesicht, das er sah. Er wollte nach ihr greifen, in sie hineinfließen, in ihr verschwinden.

„Ich muß an dich denken, dann kann ichs spielen“, murmelte er unvermittelt.

„Was?“ Sie verstand nicht, was er meinte.

„Alfonso. Dann kann ich den Alfonso spielen – wenn ich …“, er stockte.

Klara schwieg, nachdenklich.

„Nun“, sagte sie dann, „dann tus doch.“

„Ja, ich werds tun.“

„Und warum beschattest du mich?“

Sie würde ihm nicht erlauben, sich herauszuwinden.

„Ich wollte nicht, daß dus weißt.“

„Zu gefährlich?“

„Ja, viel zu gefährlich.“

„Und warum die Eifersucht auf ihn?“ sie deutete zu Hronek hinüber, der niedergeschlagen im Gras saß.

„Eifersucht?“ Er wollte es nicht zugeben.

„Er besucht meine Mutter, nicht mich.“

„Ja ja, natürlich“, Lorenz grinste zynisch.

„Ja. Er ist mit Anna zusammen, und das tut ihm gut.“

„Echt?!“

„Ja, echt. Du mußt nicht spotten. – Und von meiner Mutter läßt er sich das jüdische Wien erklären.“

„Was geht ihn das jüdische Wien an?“

„Er will was wissen, und meine Mutter weiß was.“

„So einfach ist das?“

Klara lächelte.

„Der Selbsthaß, Lorenz –“

Sie legte ihm die Hand auf die Wange, streichelte ihn zart.

„Ich hab dich lieb, Dummkopf“, sagte sie. „Und ich bin gar nicht wütend …“

„Du und deine Mutter“, sagte er, er hielt sich an ihrer Hand an seiner Wange fest, „ihr seid so … die verfluchte Güte und das Mitleid – ich kann es nicht ertragen.“

„Ja, sie ist gütig. Aber ich nicht.“

Sie entzog ihm die Hand. Sie stand auf. Sie ging weg ein paar Schritte, blieb stehen, mit gesenktem Kopf. Er richtete sich auf. Sie drehte sich schnell zu ihm um, kam zu ihm wieder, stand vor ihm; aufgerissen, flackernd.

„Ich hab dir nichts zu bieten“, sagte sie, „nichts!“

Und sie lief weg.

Später saß er mit Hronek allein in der Küche. Die Frauen war so diskret-absichtslos gemeinsam verschwunden, daß er darüber gelacht hätte, wäre nicht Klaras Verzagtheit gewesen während des Essens und seine Angst vor diesem Gespräch, das unausweichlich war. Er hatte den Gastgeber gespielt, sich einen Ruck gegeben, von seinem Nachbarn Essenssachen ausgeborgt, die Tiefkühltruhe, den Weinkeller frequentiert, Anna und Sophie hatten ihm beim Kochen geholfen. Er hatte Geschichten erzählt und Witze gerissen, und Anna hatte ihn verwundert angestarrt. Hronek war düster geblieben. Und auch Klara verfangen in ihre Traurigkeit. Dann wars abgebrochen. Stille plötzlich. Müdigkeit.

„Es ist“, sagte Hronek, als sie allein waren, „es ist – ich weiß nicht – es ist …“

Er lachte hektisch. Lorenz schwieg, wartete. Hronek starrte ihn an.

„Ich will ja über die Arbeit reden, aber …“

„Solltest du“, sagte Lorenz, „über was anderes red ich nicht mit dir.“

„Was hast du gegen mich?“

„Dir fällt alles so leicht. Und ich muß kämpfen. Und mir ist bisher immer alles leicht gefallen.“

„Mir fällt überhaupt nichts leicht!“

„Denk, ich muß den Vater erschlagen, dich, das behauptest du ja, daß du jetzt der Vater bist, seit deine Frau dich verlassen hat. Und ich muß dich erschlagen, damit ich an die Weiber komme. Die Urhorde, die Hundemeute. Aber noch bist du stärker. Es ist unerträglich.“

„Was?“ Hronek war verwirrt.

„Ich will nicht, daß du Klara triffst, auch wenn du so tust, als würdest du dich mit ihrer Mutter treffen. Und ich gönn dir Anna nicht, obwohl Klara sagt, es tut dir gut.“

„Und ich hab geglaubt, ich bin eifersüchtig“, sagte Hronek; er lachte verzerrt.

Lorenz schenkte Wein nach. Anna stand in der Tür.

„Was ist?“ fragte Lorenz, aggressiv.

„Ihr müßt euch einigen“, flüsterte sie, „ihr müßt einen Weg finden.“

„Wir finden einen Weg“, sagte Hronek.

Sie wartete einen Moment noch, verschwand wieder. Hronek lächelte, sah ihr nach.

„Du liebst sie sehr, was?“ fragte Lorenz, grob.

„Ja.“

„Aber du weißt, es kann nicht gut gehen.“

„Es kann nicht gut gehen. Was geht schon gut.“

Lorenz grinste.

„Aber ich will lieber“, sagte Hronek, „drei Monate lang mit ihr wahnsinnig verwirrt und verloren und glücklich sein, als in Sicherheit und gelangweilt und allein. Dann, wenn es abbricht, die Hölle, das interessiert mich nicht. Und es interessiert mich auch nicht, ausgerechnet dir auch nur irgendetwas darüber zu erzählen. Ich will nicht einmal mehr arbeiten mit dir, obwohl sich jeder Regisseur alle zehn Finger abschlecken müßte, wenn er mit dir arbeiten darf. Aber du bist ja nicht da. Du hast ja beschlossen, dein Talent in einer hirnrissigen Wehleidigkeit versickern zu lassen. Ich würde dich sofort umbesetzen, wenn ich könnte. Aber ich finde ja jetzt nicht nur keinen besseren mehr, sondern ich finde überhaupt keinen. Und du bist ein Schwein, wenn du dich schleichst. Ich kenne viele faule Schauspieler, und die tret ich in den Arsch. Aber du bist ja feig. Und gegen die Feigheit hab ich leider kein Mittel.“

Hronek trank seinen Wein in großen Schlucken. Er schenkte sich nach.

„Ich muß Klara denken“, sagte Lorenz.

„Was?“

„Dann kann ichs vielleicht spielen.“

„Du kannst denken, was du willst, es wird nichts nützen. Du hast einen Wien-Komplex. Und zwar nicht, weil du Jude bist, wie du immer tust, sondern diesen ganz normalen, scheiß-eitlen Wien-Komplex, der nur lächerlich ist.“

„Du hast keine Ahnung von mir.“

„Ich kenn dich auswendig, Trottel! Und, glaub mir, ich werde nicht um dich kämpfen. Du kannst es dir aussuchen: weiter blöd sein oder deinen Beruf ausüben. Ich spiels selber. Ich brauch dich nicht. Ich werde dich nicht bitten.“

„Du bist zu alt“, sagte Lorenz.

„Gegen dich blutjung.“

„Ja – wahrscheinlich …“

Lorenz grübelte. Ob er aufwachen konnte? Ob er seine Arbeit tun konnte, in Wien, jetzt? Ob er loslassen konnte?

„Wie lang ist es noch bis zur Sommerpause, zwei Wochen?“ fragte Lorenz.

„Ja.“

„Wenn du Lust hast … diese zwei Wochen …“

„Bist du gnädig? Schenkst du mir zwei Wochen?“

„Nein nein – Was du ja nicht begreifst, obwohl du weißt, wo Gott wohnt, daß ich nicht hochmütig bin und nicht eitel.“

„Du hast diese Eitelkeit der Uneitelkeit, und das ist die schlimmste.“

Lorenz kicherte, lachte.

„Lach nicht!“ schrie Hronek.

„Entschuldigung. – Aber … na ja … Also – jedenfalls, er kommt in den Garten, und …“

„Zuerst Rahel, sie geht spazieren mit ihrem Vater und ihrer Schwester, und weil es verboten ist, in den Garten des Königs hineinzugehen, übermütig, wie sie ist, läuft sie hinein, und die beiden hinter ihr her, um sie wieder herauszuholen.“

„Aber das interessiert mich ja nicht. Ich hab meiner Gattin, der Engländerin, einen englischen Garten bauen lassen und zeig ihn ihr, und sie reagiert nicht drauf, und ich bin gekränkt, weil diese Alte so protestantisch zu ist, daß sie knirscht vor Trockenheit und Pflichtgefühl. Und da kommt dieses spontan-verrückte Wesen und sucht bei mir Zuflucht vor meinen Wächtern, die sie aus dem Garten hinauswerfen wollen. Und ich, der Korrekte, bin geschmeichelt und fasziniert, weil sie das Gegenteil von meiner Alten ist, und außerdem ist sie verdammt attraktiv. Bin ich schon geil eigentlich in der Situation?“

„Nein nein, du weißt ja nicht, was das ist.“

„Weiß ich nicht?“

„Du kennst nur den netten Sex. Du hast ein Kind gezeugt, und du hast so eine Ahnung, daß das über staatspolitisches Pflicht-Vögeln hinausgehen kann, du hast diese Unzufriedenheit und diese ungenaue Sehnsucht, aber du hast keine Ahnung von den Explosionen.“

„Und das Begehren erst, als sie anfängt, mit mir zu flirten, in diesem Gartenhaus? Aber ich hab doch mit Garceran, meinem Adjutanten, dieses Gespräch, in dem ich ihn frage, wie man Liebesabenteuer organisiert, und das ist doch sehr konkret auf ein Verhältnis aus.“

„Du willst sie haben, als Beute. Ganz gegen die Vorschrift und ganz gegen das Bild, das du von dir selber hast. Da bist du schon bereit, unmoralische Dinge zu tun, schon geil auf Rahel, aber bemüht, dem Ganzen eine Form zu geben. Und den Rest des Stückes bist du damit beschäftigt, diese Form zu behaupten, während du jede Kontur verlierst, dich verlierst, jede Kontrolle und jede Möglichkeit zur Kontrolle verlierst.“

„Ob Benedikt damit einverstanden ist, was wir uns da so ausdenken?“

„Das Begehren trifft dich wie ein Schlag“, grinste Hronek.

„Ja, aber er hat recht“, sagte Lorenz, „es ist so, unvermittelt, unverhofft und ohne Beispiel.“

„Entscheidend ist, daß du erst wieder die Kontrolle hast, also dein Ich, dein Ego, deine Identität wieder findest, wenn sie tot ist. Sie ist weg, und Klarheit ist wieder möglich. Bis dahin hast du nur behauptet, daß eh alles klar ist und daß du alles in der Hand und unter Kontrolle hast. Am Schluß fällt dir die Kontrolle tatsächlich wieder zu. Und du putzt dich ab. Das ist ein ungeheurer Moment, wenn du zurückkommst, ganz ruhig und völlig in Sicherheit. Aus einem Rausch erwacht.

Er wollte, daß sie blieben in dieser Nacht, alle. Er versuchte nicht, Anna und Hronek je einzelne Zimmer vorzuschlagen, sie bekamen Georgs Schlafzimmer. Klara und Sophie je eins der Gästezimmer.

Klara kam in der Nacht, ganz selbstverständlich, und legte sich zu ihm. Aber als er sich verwirrt und fasziniert und trunken nicht nur an sie klammerte, sondern anfing, an ihrer Unterwäsche zu zerren, verkrampfte sie sich und zitterte. Sie setzte sich auf, bat ihn, das Licht aufzudrehen.

„Ich wollte …“, sagte sie, „sonst wär ich ja nicht zu dir gekommen … weil es die richtige Idee ist … mit dir schlafen …“

„Idee?“ stammelte Lorenz.

„Aber ich kann nicht“, sagte Klara, „und ich kann dir auch nicht erklären, warum ich nicht kann.“

Sie weinte bitterlich. Sie wollte in ihr Zimmer zurück. Er bat sie, er flehte sie an zu bleiben. Sie lagen unter einer Decke eng beisammen, und er spürte und roch sie und war davon trunken.

Benedikt kämpfte um den pornographischen Aspekt.

„Es ist nicht sichtbar“, sagte er, „aber sie fallen übereinander her wie wahnsinnig – die Ekstase des Loslassens, die Geilheit, die gegenseitige Überschwemmung, Aufhebung aller Körpergrenzen. Nicht irgendein Konzept von Beziehung. Eine ganz und gar unmögliche Beziehung: gefährdet und gefährlich.“

„Aber es ist nicht sichtbar“, grinste Hronek.

„Aber es bestimmt den Rest!“

Lorenz imaginierte Klara, wenn er Rahel meinte, Anna ansah, ansprach, von Rahel redete, Rahel begehrte. Lorenz in einem Sog während der ersten Probe nach der Rückkehr aus Wartberg. Hronek unterbrach plötzlich, sprang auf die Bühne.

„Was denkst du?“ fragte er.

„Denken? Nichts“, flüsterte Lorenz.

„Ich meine – wie geht es dir?“

„Das siehst du doch, oder?

„Ja, ich sehe es – aber – es ist ein Strohfeuer, oder?“

„Wahrscheinlich.“

Sie lachten beide. Hronek, zurück im Zuschauerraum, setzte sich hin und lehnte sich zurück und genoß, was er sah: Anna, die ohne Bruch wuchs und wuchs in ihrer Rolle, und Lorenz, von dem die Kälte und der Fleiß abgefallen waren, der anfing zu blühen und zu bluten, der die Bühne ausfüllte und den ganzen Raum, der endlich wieder existierte. Zumindest ansatzweise. Noch ungewiß, weit entfernt von der Souveränität, die ihm selbstverständlich gewesen war. Aber auf der Suche, ohne auf der Stelle zu scheitern.

Obwohl – oder weil – Klara ihn verwirrte, ihr Geheimnis bewahrte, ihn damit eifersüchtig und unsicher machte. Er traf sie täglich nach der Probe. Oft bei ihr mit der Rolle beschäftigt, ihr vorspielend. Sie schien Alfonsos Besessenheit genauer zu begreifen als er.

„Er muß sie töten“, sagte sie, „die Leiche bespucken; er schämt sich, aber wofür schämt er sich eigentlich?“

Sie grübelte.

Sie wollte tanzen gehen, ganz blöd in eine Disco. Sie verausgabten sich unter Minderjährigen, stundenlang. Glücklich. Er brachte sie nach Hause gegen zwei Uhr Früh, und sie ließ ihn nicht weg. Sie schlief in seinem Arm, stöhnte im Schlaf, unruhig, fürchtete sich – er wiegte sie sanft, und sie wurde ruhig und kuschelte sich enger an ihn. Er sah ihr beim Schlafen zu – gerührt, nicht gänzlich verzweifelt, verwirrt; und schlief selber erst ein, als es hell wurde.

Bei der Probe pendelte er zwischen Hektik und Lethargie, brabbelte, blieb dauernd hängen; spielte dann die Gartenhausszene mit Anna, in der Alfonso sich in sein Begehren rettungslos verliert, wie aus einem Guß und brach danach in Tränen aus.

„Jetzt hab ichs gehabt“, schluchzte er, „aber ich werde es nicht halten können.“

„Entspann dich“, sagte Hronek und ging in die Kantine zu einer Kostümbesprechung.

Anna strahlte.

„Es wächst so schön“, sagte sie.

„Du hast ja keine Ahnung!“

„Aber ja, ich bin ganz sicher.“

Und auch Anna entschwand fröhlich in die Kantine.

Benedikt nahm sich Lorenz’ an und erklärte ihm, was er gesehen hatte: Beeindruckendes; er analysierte ausführlich.

„Aber das weiß ich ja selber, daß es gut war“, sagte Lorenz zornig.

„Im Moment arbeite ich nichts“, sagte Klara, als er sie an diesem Nachmittag unvermittelt nach ihrer Arbeit fragte.

„Darüber bin ich ganz froh“, sagte Sophie; sie saßen im Wohzimmer zu dritt, Klara rauchte viel.

„Ich weiß, das ist egoistisch“, setzte Sophie fort, „aber im Moment bin ich nicht so unzufrieden damit, daß sie ihr Studium nicht schon wieder aufgenommen hat.“

„Ich nehms auch nicht wieder auf“, sagte Klara.

„Das wird sich zeigen. Laß dir Zeit.“

„Was hast du studiert?“ fragte Lorenz.

„Medizin zuerst, abgebrochen, dann Kunstgeschichte und Philosophie, ziemlich weit, abgebrochen, dann war ich Kellnerin, und dann …“, sie stockte. Sie verdüsterte sich, wie so oft, plötzlich.

„Dann“, sagte sie mühsam, „war ich eine Zeitlang nicht da …“

„Hast du jetzt ganz aufgehört mit den Tabletten?“ fragte Lorenz schnell; hielt den Atem an.

„Tabletten? Ich bin nicht süchtig nach Tabletten“, sagte sie. „Antidepressiva manchmal, vom Arzt verschrieben.“

„Du warst beim Arzt?“ fragte Sophie.

„Ja, zwei, drei Mal – er hört nicht zu, es führt zu nichts…“

Stille. Klara deprimiert. Plötzlich verschwand sie in ihrem Zimmer, sperrte sich ein. Lorenz traten Tränen in die Augen.

„In letzter Zeit heul ich dauernd“, sagte er, auflachend.

„Das ist schon in Ordnung“, Sophie, gütig wieder.

„Ich zerfließe, ich löse mich auf.“

„Das ist die Rolle.“

„Nein, die Rolle ist nicht der Punkt.“

Er verabschiedete sich bald.

„Aber Sie kommen wieder“, bat Sophie.

„Ja, sicher, unvermeidlich …“

Diesmal soff er bis er voll war; holte sich ein Cut am Hirn beim Heimkommen an seiner Zimmertür. Er beschimpfte sich laut. Er fürchtete sich.

„Ich bin hysterisch“, warf er sich vor. „Ich bin eine Katastrophe.“

In der Früh grübelte er darüber nach, ob er sich in Klara so rettungs- und hoffnungslos verliebt hatte, um die Rolle spielen zu können. Ob er nicht danach wieder zurücksinken würde in sein Distanz- und Sicherheitsspiel, in die Unangreifbarkeit. Er mochte sich nicht. Der Kopf schmerzte. Auf der Probe war er unkonzentriert, wie gelähmt. Hronek verbarg sein Gesicht in den Händen.

„Es tut mir leid“, sagte Lorenz. „Ich hab getrunken gestern. Ich war verzweifelt, sinnlos. Ich weiß, ich werde es nicht schaffen, ich will nicht davonrennen, aber …“

„Schlaf dich aus“, sagte Hronek ruhig. „Ich probier mit den andern weiter.“

„Verstehst du …“, setzte Lorenz an, stammelte, brach ab.

„Es interessiert mich nicht sehr. Ich werde es durchziehen mit dir, soweit es mich betrifft. Wenn du hysterisch wirst, mach ich dich kalt.“

„Was?“

Hronek hatte ganz ruhig geredet, überzeugt, er meinte es ernst.

„Ja“, sagte er, „deine Gefühlsduselei geht mir auf den Hammer, wie du weißt. Aber du hast aufgehört, dich zu schonen, das ist gut. Mach deine Arbeit.“

Lorenz, stumm, ging weg, heim, um sich hinzulegen. Er konnte nicht schlafen. Der Kopf leer. Nur Schwaden von Erinnerungen. Er stand auf, suchte einen frischen Schreibblock, setzte sich an den Tisch, versuchte es aufzuschreiben.

„Der Haß ist weg“, schrieb er, „das ist noch nicht sehr viel: ich hab nichts Entsprechendes. Die Liebe? Es ist nicht Liebe, es ist Sucht. Ich werde es nicht herausfinden, ob ich Alfonso spiele, weil ich aus der Sicherheit herausgefallen bin, oder ob der Verlust der Sicherheit davon stammt, daß ich dieses Arschloch spiele. Georgs Tod, Georgs Erbe – daß ich mich nicht mehr entziehen kann. Und Klara, die mir ins Blut gegangen ist, unmittelbar, obwohl ich sie nackt nicht kenne. Sucht, unablässige Geilheit, Erektion schon beim Gedanken an sie. Es wird eine Enttäuschung sein.“

Er sprang auf. Er lief im Zimmer auf und ab. Er schrieb weiter.

„Ich muß von mir absehen. Ich bin ununterbrochen mit mir selbst beschäftigt und mit meinen Wehwehchen. Ich hab keinen Lebensentwurf für mich – bis vor kurzem war ich abgegrenzt und unangreifbar, und jetzt zerfließe ich. Ich weiß nichts, ich spüre, aber ich begreife nichts. Klara – das ist das einzig Fixe; nein: Alfonso; nein Rahel als Klara und Klara als Rahel und der Moment, in dem ich auf der Bühne sensationellen Text absondere und dabei an Klara denke: tatsächlich nichts als geil und trotzdem Kunst – das ist keine Kunst, natürlich, und ich verzweifle, aber die Verzweiflung ist klein und ziemlich lächerlich.“

Er überlas, was er geschrieben hatte. Er lachte, schrieb weiter.

„Das Aufschreiben natürlich nur der Versuch, die Auflösung zu verstehen und in den Griff zu bekommen, und lächerlich wie alles.“

Lorenz, mit dem Block in der Hand, legte sich aufs Bett. Die Sonne schien durchs Fenster, draußen wahrscheinlich ein schöner Tag, heiß. Er las. Er zuckte die Achseln. Er schlief ein.

Als er aufwachte, wie verkatert, unzufrieden, es war dunkel draußen, stand er auf, ging herum, wollte Klara anrufen, ließ es, duschte sich, sehnte sich, fürchtete sich. Dann doch das Telefon. Sophie war am Apparat.

„Daß Sie anrufen, endlich“, sagte sie, hektisch, „ich hab Ihre Nummer ja nicht.“

„Was ist los?“

„Wollen Sie vorbeikommen, bitte!“ sagte Sophie.

Er lief hin.

„Sie ist fort“, sagte Sophie, „sie hat einen Koffer gepackt, das Notwendigste, und ist fort. Ich soll sie grüßen. Ich soll Ihnen sagen, daß es ihr leid tut, daß es so ist, daß sie nicht will, daß es so ist, daß es aber trotzdem so ist. Dann ist sie fort.“

Sophie zitterte, fahrig, sie hatte geweint. Lorenz war stumpf.

„Und wohin …?“ murmelte er.

„Ich weiß es nicht. Sie hat Geld abgehoben, glaub ich. Das ist ein gutes Zeichen eigentlich. Aber ich hab das Gefühl, sie ist tot. Aber das ist unsinnig, unsinnig … Dieses Gefühl hatte ich ja schon oft – und sie ist wiedergekommen – sie wird auch jetzt wiederkommen …“

Sie glaubte es nicht wirklich. Sie atmete schwer, gebrochen.

„Ich weiß nicht, was ich falsch gemacht habe“, flüsterte sie. „Ob sie mir nicht verziehen hat, daß ich ihren Vater nicht halten konnte …“

Lorenz, mühsam, setzte sich zu Sophie und nahm sie in den Arm. Sie zitterte weiter. Sie war blaß.

„Sie ist nicht tot … sie ist nicht tot …“, flüsterte sie.

„Was ist mir ihrem Vater?“

„Er ist fort. Alle gehen fort. Ich bin zu schwach. Ich kann es zuwenig zeigen, meine Liebe. Sie gehen fort …“

„Ich bin da“, sagte Lorenz beruhigend. Es verwirrte ihn, daß er das sagte. „Ich geh nicht fort …“

Er hielt Sophie. Sie atmete schwer. Sie beruhigte sich nicht. Lorenz brachte ihre Herztabletten. Sie wollte sie nicht nehmen. Er überredete sie.

„Er ist in Deutschland“, sagte Sophie, „er ist wieder verheiratet, er hat ein kleines Kind, er hat Geld wie Heu, er überweist uns Geld, Geld, nur Geld … Immer wollte er, daß Klara ihn besucht, aber sie hat ihn nie besucht, und ich war glücklich, daß sie ihn nicht besucht hat, aber …“

Sie weinte nicht. Sie zitterte, aber sie weinte nicht.

Lorenz blieb über Nacht, in Klaras Zimmer, er schlief in Klaras Bett, er roch sie, er dachte sich aus, daß er tot sein wollte, wenn sie tot war, er lachte sich aus, weil er wußte, daß ihm wie in allem auch darin nicht wirklich zu trauen war. Er bereitete das Frühstück in der Früh für Sophie. Er schlug ihr vor, sie war ruhiger, zitterte nicht mehr, aber schwach noch, im Bett zu bleiben, und er versprach, nach der Probe wiederzukommen.

Anna nahm die Sache in die Hand, als sie davon hörte. Sie telefonierte mit einer Freundin und mit einer Freundin dieser Freundin und engagierte für tagsüber eine Pflegerin für Sophie. Sie bot an, abwechselnd mit Lorenz und Hronek die Nächte bei Sophie zu verbringen, sich zu kümmern. Sophie wollte nichts davon wissen.

„Ich bin nicht todkrank“, sagte sie, „und ich hab lang genug allein gelebt, und ich hab meine Tabletten und werde mich schon gewöhnen.“

Aber Anna ließ Schlüssel nachmachen, sie gab der Pflegerin und Lorenz und auch Hronek entschiedene Anweisungen. Sie blühte. Auch in der Arbeit. Sie war Hroneks Freundin, sozusagen offiziell, und dominierte sein Leben; sie probierte intensiv und lustvoll und wurde von Tag zu Tag grandioser.

„Was machst du im Sommer?“ fragte sie Lorenz.

„Keine Ahnung.“

„Ich will wegfahren mit dem Ignaz, weiß du – aber … es ist wegen Sophie …“

„Ich bin da. Ich nehm sie aufs Land mit.“

„Gut“, sagte Anna. Sie freute sich, sie hatte alles geregelt. Auch Hronek heiter. Daß Lorenz in den letzten Proben vor dem Sommer nicht besonders gut war, bemüht, nicht kalt, aber schwankend, wütend einerseits, lethargisch andererseits, schien er überhaupt nicht wahrzunehmen. Er spulte sein Programm ab. Er korrigierte, entwickelte, aber kränkte sich nicht, wenn nicht alles so gelang, wie er es sich vorstellte.

Am ersten Urlaubstag packte Lorenz Sophie, trotz Protestierens, ins Auto und fuhr mit ihr nach Wartberg. Er quartierte sie ein. Er war müde, der Körper wie taub. Er sehnte sich, wie jeden Tag, seit Klara fort war. Er kochte gemeinsam mit Sophie. Sie aßen. Sie saßen vor dem Fernseher und konnten sich nicht entscheiden, was sie sich ansehen wollten.

„Ich bin so müde“, sagte Lorenz, „so leer.“

„Ich auch“, sagte Sophie.

Viertes Kapitel

SOPHIE SASS IM HAUS und war alt. Ihr Gesundheitszustand wurde schlechter. Ich war keine Hilfe. Wieder dieses Ohnmachtsgefühl und das Bedürfnis zu verschwinden. Keine Nachricht von Klara. Wut. Wehleidigkeit. Sophie litt. Die gewöhnlichen Hantierungen wurden ihr mühsam. Ich telefonierte mit der Ärztin in Straning, die gleich kam.

Sie nahm mich beiseite nach der Untersuchung.

„Zwei Möglichkeiten“, sagte sie, „ein Pflegeheim, in dem sie rund um die Uhr betreut wird, oder eine Pflegekraft hier. Sie ist sehr depressiv, Ihre Mutter, sie braucht viel freundlichen Zuspruch. Und Sie scheinen mir ein bißchen hilflos.“

„Schwiegermutter“, sagte ich sinnlos.

„Sie können sich doch eine Pflegerin leisten, oder?“

Sie schickte Kandidatinnen vorbei. Ich engagierte eine Schwesternschülerin, Bernadette, weil sie hübsch war, 19, blond, rosig, und weil sie Zeit hatte, auch bei uns zu wohnen. Sie war sehr tüchtig, übernahm den gesamten Haushalt, freundete sich mit den Nachbarn an. Und ich konnte mich gehen lassen. Sophie, zuerst unwillig, ergab sich der Betreuung und ihrer Krankheit und verließ das Bett kaum.

Der Sommer. Die Hitze. Das Loch, in das man fällt, weil das Probieren, die Arbeit, ja auch ein Halt ist. Das Bewußtsein, daß Klara fort war, durch nichts relativiert. Die Ungewißheit. Wo sie sein könnte, irgendwo oder dort, wo nichts mehr ist? Ich schriebs weiterhin auf: Klara – Klara – Klara! Weil ich mit Sophie nicht reden wollte, auch nichts fragen. Ich wußte ja, was es war: ich war Alfonso, und meine Rahel war rechtzeitig geflüchtet.

„Seit ich sie sah, empfand ich, daß ich lebte.“

Flucht war nicht mehr möglich. Also floh ich. Zuerst in den Alkohol. Dann wieder diese Autofahrten, bis eines Tages mein Getriebe einging, ausrann, gottlob gleich auf den ersten hundert Metern. Ich ließ es reparieren, obwohls zu teuer war, aber ich konnte mir nicht ein fremdes Auto kaufen und Georgs Mercedes verschrotten lassen vor der Zeit.

Nie mehr wiedersehen. Bei der Mutter sitzen und denken an das, was nicht war – lauter Berührungen, Haut. Geil bis zu den Haarwurzeln neben der Mutter sitzen und ächzen und hoffen, daß sie es nicht hört. Ob ich Sophie fragen sollte, wie Klara als Kind war? Lieb, sicher. Ob es mich beruhigen würde?

Plötzlich jedoch hörte ich auf, mich im Garten zu betrinken, obwohl das ein wunderbarer Ort war dafür. Ich fuhr auch nicht mehr stundenlang in Wein- und Waldviertel herum, sondern gezielt zu Seen, zur Ybbs, in Wälder, um dort zu schwimmen, zu wandern, zu rennen. Ich zog ein Fitness-Programm durch, das ich als solches gar nicht meinte. Gesund und stumm. Ich las. Musil; und Krimis von de Wetering; die lässige Mischung. In der Nacht die Träume von Klara und von der Arbeit, die Brunst und das Scheitern. Wenn ich nicht mit dem Gedanken an Klara aufwachte, fiel sie mir binnen Minuten ein, schon schloß ich Wetten mit mir ab, wie viele Minuten es dauern könnte: mehr als zehn Minuten niemals. Kurz drauf Alfonso; im Wechsel den ganzen Tag lang, da half das Schwimmen auch nicht. Nur eine Rolle, Alfonso; und Klara nur irgendeine Frau. Ich verwechselte sie tatsächlich und rannte durch die Wälder zu Rahel hin und konnte Klara nicht finden. Wenn Sophie nicht dagewesen wäre, im Bett, im Liegestuhl, vor dem Fernseher, hätte ich gezweifelt manchmal an Klaras Existenz. Oder deshalb das Grübeln und die Traurigkeit, weil ihr Verschwinden mit mir so nichts zu tun hatte. Ich hatte sie nicht einmal gestreift. Ich war hungrig ihre Fährte entlang gekrochen, nichts weiter.

Ob ich nicht mit den Distanz- und Sicherheitsspielen jahrelang mir verdient hatte dies, den wirklichen Schmerz ausgelöst durch eine Mystifikation: das Tatsächliche durch eine Einbildung? Als Strafe? Aber ich wußte, daß es Strafe nicht gab. Es war geschehen, daß ich aus mir herausgefallen war, und ich war wund. Und aus. Und lächerlich: die kleine Neurose, die alles überstrahlt. Selbstergriffenheit, das wars, genau das: was ich so sehr verachtet hatte seit jeher, bei Kollegen auf der Bühne zumal, die ich der Verschwommenheit zieh und mit Recht, und jetzt ich: verschwommen, stumpf: selbstergriffen. Aber gesund, tatsächlich: stark, gebräunt, nicht heiter, aber saftig. Seltsam, daß ich verfallen wollte, aber turnte dauernd. Und Fleisch, dann doch. Bernadette liebäugelte. Und ich griff nach ihr an einem Dienstag in der Küche und drückte sie freundlich an mich.

„Gut, wie du das machst“, sagte ich und ließ sie wieder los.

Sie aber wollte geküßt werden, und ich steckte ihr die Zunge in den Hals. Das schmeckte gut. In der Nacht gemeinsam in meinem Bett – dieser blonde Duft – Ich wollte Klara riechen durch sie durch und mich rächen an Klara, weil sie fort war, und stieß wie ein Irrer in das Mädchen, daß mein Jugendbett krachte. Ihr gefiel das; auch wie fest ich sie an mich preßte, wie um sie zu zerdrücken; und bot mir alle Öffnungen.

Ich lag dann neben diesem heißen Frauenkörper und wollte nichts wissen von dieser Frau. Und der Gedanke an Klara wieder und immer noch. Und die Selbstverachtung. Aber wozu? Wohl hatte ich immer mich selbst verachtet beim Genießen, außer in einer Theaterfigur versteckt. Aber wofür? Und wenn ich dieser Frau nicht gleichgültig war einen Moment lang, sie würde in die Gleichgültigkeit zurückfinden. Wie ich mit Klara irgendwann – nicht gleich, noch lange nicht, aber irgendwann doch und für immer. Aber dieser Augenblick genügte doch! Und der Dunst von Ewigkeit im gleichen Atem. Das Verlangen, die Unerbittlichkeit. Nicht freundliche Distanz als Beziehungsgekreisch. Lust, Verzweiflung, Ekstase, Chaos, Unzucht, Sucht. Und wenn auch ausgelöst durch ein Schnippen. Nicht die Resignation der Vernunft. Aber natürlich Klaras Verweigerung: daß es mir nicht mehr einfach zufiel. Und wenns mir zufiel wieder, bedeutete es mir wieder nichts. Grotesk dieses Zagen durch den Tag jeden Tag, die Einbildung einer Leidenschaft, während ich im Fett saß, ein Klischee tatsächlich: reich und unglücklich; immer noch in Sicherheit. Und die Selbstverachtung als Attitüde.

Am nächsten Tag aber ging ich in den Keller; in den Teil, den ich bisher vermieden hatte, wo Georg die Hinterlassenschaft meiner Eltern aufbewahrt hatte für mich, akribisch geordnet, wie es seine Art gewesen war. Zwei Kästen, einige Schachteln; Kleider hatte er weggegeben, die Bücher – mit Ex Libris-Stempel versehen – seiner Bibliothek einverleibt; Fotos fand ich, persönliche Gegenstände (Uhr, Brille, Schmuck und dergleichen); und Skripten, Hefte, jede Menge in kleiner regelmäßiger Schrift beschriebenes Papier. Mein Vater hatte Gedichte geschrieben, nur für sich, Aufsätze zu Literatur und Pädagogik, nur für sich; ich hatte es gewußt, aber nicht wissen wollen. Ich blätterte, las. Ein Tisch stand da, im Keller, ein Sessel, eine Leselampe – hatte gewartet auf mich, so hatte Georg sich das ausgerechnet, und ich hörte ihn kichern aus den Wolken. Und als ich so die Hefte und Mappen in die Hand nahm, wahllos zuerst, entdeckte ich die Tagebücher. Davon hatte Georg mir nichts erzählt. Und ich fand heraus, daß mein Vater angefangen hatte, ein Tagebuch zu führen, an dem Tag, an dem er erfahren hatte, daß meine Mutter mit mir schwanger war; und fast täglich Eintragungen bis zu seinem Tod.

Wollte ich das wirklich entdecken? Wollte ich die Erinnerung wiederfinden, eine neue Erinnerung? Ich wollte, daß er da wäre; wollte mich an sein Knie lehnen und mich festhalten an seiner Hand und ihn fragen, wie man lebt. Ich wollte ihn wiederhaben und nicht so allein sein. Ich wollte ihm Klara vorstellen und Sophie. Ich wollte hinaufgehen und sie dort sitzen sehen: Georg und Sophie, heiter, und meinen Vater, bedächtig, klug und freundlich; und mich zu ihnen gesellen; und dann in den Garten – und im Garten Klara – bei den Blumen, natürlich, und fröhlich …

Bernadette kam mich suchen. Ob ich nicht Hunger hätte. Sie war ein wenig scheu, errötete, strich mir aber plötzlich über die Wange, ganz schnell und zart.

Ich ging hinauf mit ihr. Sophie war aufgestanden, diszipliniert, wirklich gut ging es ihr nicht; sie saß dann im Garten mit einem Buch.

Bernadette wollte mit mir sprechen nach dem Essen. Sie druckste herum. Sie erzählte mir von ihrem Freund, Peter, den sie verlassen hatte, weil er so langweilig gewesen war in seiner Anhänglichkeit.

„Und du hast ihn herumkommandiert und warst zu ihm eklig, was?“ fragte ich.

Sie nickte.

„Aber jetzt“, sagte sie schnell, „jetzt denk ich mir – er fehlt mir … Und ich will nicht mehr eklig sein zu ihm.“

„Du wirst“, sagte ich, um es zu verhindern, „dich verlieben in mich, es ist unvermeidbar, weil ich mich für dich nicht wirklich interessiere. Weil ihr alle verrückt seid, weil euch allen die Liebe verdächtig ist. Aber wehe mir, wenn ich anfange, mich für dich zu interessieren womöglich, dann wirst du davonrennen und dir jemand neuen suchen, der dich quält, um dich ihm an den Hals zu werfen.“

„Nein – wieso?“ fragte sie, verwirrt.

„Aber ich bin nicht besser dran – schlechter, weil ich schon weiß, was es ist. Ich liebe eine Frau, die mich nicht haben will.“

„Echt? Und wo ist sie?“

„Fort“, sagte ich.

„Dir rennen aber alle weg – diese Frau und deine Frau …“

„Ja ja“, sagte ich düster, aber eigentlich amüsiert.

„Es gehören immer zwei dazu“, sagte sie altklug.

„Ja, einer der weggeht, und einer, der dableibt. Und manchmal ist der, der dableibt, der, der schon längst weggegangen ist, oder?“

Damit wollte sie sich nicht beschäftigen.

„Jedenfalls“, sagte sie, „will ich zum Peter zurück. Aber ich weiß nicht. Und eigentlich will ich mich nicht in dich verlieben. Du bist mir zu kompliziert.“

„Das ist sehr gut“, nickte ich, herablassend, alt. „Geh zu deinem Peter zurück und laß dich schwängern. Aber mehrfach. Dann kannst du alle herumkommandieren, und das Leben geht weiter seinen gewohnten Gang.“

„Was bist du denn so spöttisch?“ fragte sie mißmutig.

„Willst du mich heiraten?“ fragte ich.

„Aber du bist doch verheiratet!“

„Ich kann mich scheiden lassen.“

„Aber ich bin noch viel zu jung zum Heiraten.“

Ich lachte schallend. Sie zweifelte an meinem Verstand. In dieser Nacht kam sie nicht zu mir ins Bett. Erst in der nächsten, weil sie mit ihrem Peter telefoniert hatte, und er war am Telefon wieder lieb und freundlich und anhänglich gewesen. Ich fragte sie darüber aus, während ich in ihr steckte. Und sie erzählte stöhnend und hingerissen und betrog ihn, während ich eingeklemmt war zwischen dieser schweißnassen Mutter und dem freundlichen Haustyrannen. Und ich verachtete beide. Warum aber? Sie lebten wie die Pflanzen, jetzt im Frühling unstet treibend, aber auf ewig aufgehoben im Kreislauf der natürlichen Selbstgewißheit. Keine schlechte Chance – als Teil eines Ganzen, daß es irgendwie doch noch zu geben schien.

Bernadette war mir böse am nächsten Tag, und sie weinte. Ich sei ein Zyniker, warf sie mir vor. Aber auch wenn sie recht hatte: es waren zwei, gleichauf: wir hatten einander nichts vorzuwerfen, einer hatte den anderen benützt und keiner war das Opfer. Aber das wollte sie nicht so sehen.

„Wenn du weg willst“, sagte ich, „werde ich dir nichts in den Weg legen. Aber Sophie hat sich gewöhnt an dich. Und ich habe keine Lust, eine neue Pflegerin zu suchen.“

Sie wollte gar nicht weg. Sie ging mir auf die Nerven.

Ein paar Tage Distanz: ich fuhr nach Wien, ging in Jazz-Konzerte, genoß Wien, das im Juli sehr schön ist, wie sich herausstellte. Ich war nicht bedrückt. Nur als ich in Klaras Bett schlief, denn ihr Geruch war noch da. Einen Augenblick verspürte ich den Drang, in ihren Sachen zu stöbern, aber dann traute ich mich nicht.

Zurück in Wartberg fand ich Bernadette fröhlich vor und Sophie gesünder.

„Ich muß öfter wegfahren“, sagte ich zu Sophie.

Sie lächelte: „Es hat nichts mit dir zu tun. Ich hab mit Bernadette geplaudert und ihr gute Ratschläge gegeben.“

„Und was hast du ihr geraten?“

„Das sie tun soll, was ihr gefällt. – Klara hab ich eng gemacht, entmündigt. Drum hab ich sie verloren.“

Sie war traurig wieder; schwieg; zog sich in ihr Zimmer zurück. Erst am Abend kam sie wieder herunter, gefaßter. Sie wollte was kochen. Bernadette hatte gebeten, den Abend nicht da sein zu müssen.

„Ich ziehs dir vom Lohn ab“, sagte ich grantig.

Sie kicherte.

„Wirklich“, sagte ich, „du hast zwei freie Tage in der Woche, und du kriegst ordentlich gezahlt.“

„Laß sie doch“, sagte Sophie. „Es geht mir gut!“

„Aber sie spekuliert ja mit meinem schlechten Gewissen und macht mich zum bösen Stiefvater. Ich hab aber kein schlechtes Gewissen. Sie soll ihre Arbeit machen. Es ist sowieso ein Urlaub.“

Bernadette war feuerrot angelaufen, wütend.

„Wie kleinlich du sein kannst“, sagte Sophie; sie wandte sich zu Bernadette: „Du kriegst von mir dein Geld. Geh nur.“

„Ich will mich nicht bestrafen lassen“, sagte ich, „ich war nicht schlimm.“

„Kann es sein, daß dich der Verfolgungswahn wieder plagt?“ fragte Sophie.

„Na sicher! Wir sind so, wir Juden!“

Ich wußte überhaupt nicht, was ich hatte; es war so unwichtig.

„Wo willst du denn hin überhaupt?“ fragte ich Bernadette.

„Der Peter holt mich ab“, sagte sie trotzig.

Sie stellte ihn mir vor, als er kam, im Golf. Ein Lieber, groß, Medizinstudent, der im Sommer immer in Horn im Krankenhaus arbeitete, dort hatten sie sich kennengelernt. Er wirkte selbstbewußt, männlich. Ihm war insgesamt sicher vollkommen klar, was er wollte. Und er wollte sie, er leuchtete, wenn er sie ansah. Und sie, tatsächlich, sie leuchtete auch.

Neid durchfuhr mich; Sehnsucht: ich wollte Klara anleuchten. Und es tat mir leid nahezu, mit Bernadette im Bett so selbstgefällig gewesen zu sein. Ich wurde weich offenbar. Die Landluft. Sophie und die Güte. Klara und das Verlangen.

Bernadette wirkte völlig unbefangen. Sie nahm mich kaum noch wahr, seit Peter aufgetaucht war; ich bekam so eine Ahnung von dem Verschwinden, das ich seit jeher mir herbeigewünscht hatte.

Sie fuhren ab.

Er kam dann öfter, Peter, immer wenn er keinen Dienst hatte, und übernachtete auch oft. Ich fragte ihn aus manchmal, wie ein Onkel, und er erzählte begeistert von all den Krankheiten, bis mir schlecht war.

„Ich weiß nicht, wo sie gewesen ist, wenn sie fort war. Ich habs nie gewußt und nie erfahren“, erzählte Sophie.

Die Umklammerung ihres Selbstvorwurfs war aufgebrochen, ihr Herz schlug leichter. Ich hatte angefangen, meine Erinnerung zu verändern: neues Licht aus dem Keller. Mein Verhältnis zu Bernadette und Peter wurde immer onkelhafter. Der Sommer heiß. Ruhe, freundlicher Umgang. Klara fehlte; und ich fragte endlich.

„Irgendwelche Männer, wahrscheinlich,“ sagte Sophie. „Ich hab mit ihr nicht reden können, nur über Sachen, Bildung, nicht über ihre Nöte, nicht über uns. – Sie war viel allein, traurig. Wenn aber die Traurigkeit verschwand, wußte ich, daß sie fortgehen würde. Das letzte Mal wars unvermittelt. Die Nachtarbeit, ich hab sie kaum gesehen. Ein halbes Jahr kein Lebenszeichen, und als sie wiederkam: verzweifelt, wirr. Und hat mir nichts erzählt. Du hast ihr gut getan zuerst. Sie hat kein Selbstvertrauen – und kein Ziel. Du bist kein Ziel. Ein Mann ist kein Ziel. Für dich muß man selber stark sein.“

Ich grübelte.

„Was ist“, fragte Sophie, „wenn sie wiederkommt und zu dir? Wenn sie nicht unerreichbar ist, sondern sagt: so, da bin ich? Wirst du das Flüchten lassen können und die kleinen Mädchen?“

„Bisher bin ich weggerannt.“

„Schön aber, daß du mich als deine Schwiegermutter handelst“, lächelte Sophie.

„Du bist nur die Idee der Schwiegermutter, weil die Liebesgeschichte auch nur eine Idee war.“

„Ach, die Liebe“, seufzte Sophie. „Man lebt nicht, wenn man nicht liebt, aber wenn man liebt, lebt man schwer.“

„Ob ich nicht“, fragte ich unvermittelt, „mich in Klara nur verliebt habe, weil sie so dazu paßt, zu meiner Arbeit, zu meinem Wien-Komplex, weil ich eine Sucht brauche für den Alfonso und auch vorsorglich einen Schmerz, wenn ich scheitere?“

„Übst du schon für die Flucht?“

„Vielleicht werde ichs nie herausfinden, wenn sie nicht wiederkommt.“

„Sie kommt wieder. Sie geht nicht verloren. Sie ist schon unterwegs, ich spür sie. Sie wird gesund sein, nicht verzweifelt!“

Flehentlich gesprochen, beschwörend, kraftvoll. Der Gedanke, der Sophie aufrecht hielt und sie heilte.

Im Keller fand ich Notizen meines Vaters zu einem Aufsatz über Grillparzer. Ich las Sophie vor im Garten:

„Georg glaubt, trotz allen Respekts, auch an die Flucht vor der Größe, die man Grillparzer unterstellt. Lächerlich. Diesen Mut zur Skepsis und zur Verweigerung des Sich-Aufplusterns ,Flucht vor der Größe‘ zu nennen, entlarvt jene, die das tun, als Pinscher. Weil sie Karrieren im Sinn haben und sich eitel kurzlebigen Bedeutungsschwampfs brüsten wollen, müssen sie die Unerbittlichkeit seiner Genauigkeit, die sich auf eine schnelle und sture Wahrheit nicht festlegen konnte, weil sie zu klar sah, was war, heruntermachen.“

„Aha“, sagte Sophie.

„Ich hab nicht gewußt“, sagte ich leise, „daß Georg das von meinem Vater hatte.“

Anfang August fing ich wieder zu arbeiten an. Im Garten, im Wohnzimmer, je nach Situation. Mit Sophie, die mir die Stichworte gab und mit mir jeden Millimeter besprach. Wort für Wort, Satz für Satz.

Es war schön, so zu arbeiten. Schon war ich hungrig nach wirklichen Proben, wirklichen Partnern, nach der Theaternacht und der nur durch Arbeitslicht erhellten Bühne.

Aber Anna, als sie kam, eine Woche vor Probenwiederbeginn, kam nicht, um mit mir zu probieren.

Sie stand, als wir gerade beim Abendessen im Garten saßen, gegen acht, plötzlich vor uns und starrte mich an.

„Hallo“, sagte ich, erstaunt. „Allein? Wo ist der Hronek?“

„Auf Urlaub!“ knurrte sie. „Wieso schaust du so gesund aus? Ich hab gedacht, ich finde ein Wrack vor!“

Ich lachte, dehnte mich.

„Komm, setz dich, iß was!“ schlug ich vor.

„Ich hab keinen Hunger.“

Aber sie setzte sich zu uns, ich stellte ihr Bernadette und Peter vor, und sie aß dann doch was. Sie war mürrisch, still.

Später ging ich mit ihr spazieren. Der Mond, idyllisch. Wir wanderten zur Kirche auf den Hügel hinauf und verloren uns dann in den Feldwegen.

„Ich ertrag es nicht“, sagte sie unvermittelt, „die Tochter, sie ist 19! Und daß er sich nicht scheiden lassen will.“

„Aber würde er dich interessieren, wenn er geschieden und kinderlos wäre und tun würde, was du willst jederzeit?“

„O ja!“

Ich lachte: „Und warum kommst du zu mir? Weil du ihn bestrafen willst? Du bist imstande und legst mich flach im Gebüsch, um dich zu rächen an ihm.“

„Wenn ich mit dir schlafen will, will ich mit dir schlafen, und nichts sonst.“

„Willst du mit mir schlafen?“

„Ich weiß nicht“, jammerte sie. „Ja, aber doch nicht; als Strafe nicht!“

„Und wenn er sich scheiden ließe“, fragte ich, „was dann? Heiraten, auf der Stelle?“

„Seine Tochter läßt ihn nicht.“

„Er wird sich fürchten“, sagte ich. „Und er hat recht: Wenn du jedes Mal, wenn dir was nicht paßt, abfährst und dir einen suchst, um dich zu rächen …“

„Ich hab mit ihm Schluß gemacht.“

„Ach, ja natürlich, und du schmeißt die Rolle hin …?“

„Wieso?“

Ich lachte schallend und tippte mir an die Stirn. Sie war wütend.

„Du bist genauso ein Arschloch wie er!“ zischte sie.

„Na sicher. Und du hast dir ausgerechnet, daß es ihn am meisten trifft, wenn du zu mir kommst. Und daß ich, rachsüchtig, begierig über dich herfallen würde. Und du dann triumphierend, befriedigt, hast allen eins ausgewischt. Und dann probieren noch drei Wochen und eine Premiere herausbringen, wir alle drei. Aber ich bin das Arschloch!“

„Ich hab nicht daran gedacht“, sagte sie. „Aber“, sie blieb stehen, stampfte mit dem Fuß auf, „was du alles weißt und redest! Früher hast du immer nur die Achseln gezuckt.“

„Ja“, nickte ich, „ich bin jetzt geschwätzig geworden, und weich. Die Landluft. Ich hätte nicht hierherkommen dürfen. Ich bin hier zu Hause, hat sich herausgestellt, hier und in Wien, und meine Flucht ist vorbei. Schrecklich, was?“

Beim Frühstück, im Garten, am nächsten Morgen, tauchte Hronek auf und trat den Tisch nieder und wollte sich auf mich stürzen. Ich floh und half dann Sophie, die erschreckt und fasziniert war, sich in Sicherheit zu bringen, während Anna mit Peter und Bernadette den Tobenden bändigte.

Später sahen Sophie und ich heimlich hinaus in den Garten vom Fenster im ersten Stock aus. Und sahen Hronek auf einem Sessel sitzen und weinen. Anna redete auf ihn ein.

„Er soll nicht in allem nachgeben“, sagte ich. „Er soll sich nicht klein machen, sie will ihn nicht klein.“

„Es geht nicht ums Wollen. Was will man nicht alles. – Das Begehren, wenns erlischt … Keine Gewißheit. Das Wollen genügt nicht. Man weiß nicht, was sein wird.“

„Wie klug du bist.“

„Ja, klug. Und hat es mir genützt? Ich hab immer alles richtig gemacht, und damit falsch.“

Sie weinten beide dann offenbar, Hronek und Anna. Und zuletzt saß sie auf seinem Schoß, an ihn geklammert.

Fünftes Kapitel

LORENZ SCHLUG ES VOR, aber Sophie wollte nicht bleiben in Wartberg, als er zurück mußte. „Es wird Zeit für mich, nicht mehr krank zu sein“, lächelte sie. „Und wenn du wohnst bei deiner Schwiegermutter, wie es sich gehört …“

„Aber in Klaras Zimmer nicht mehr.“

„Da sind noch Zimmer – du kannst dir eins einrichten nach deinem Geschmack.“

Bernadette verschwand mit Peter im Golf. Sie hatte ein paar Tränen fallen lassen, als sie sich von Sophie verabschiedet hatte, und Lorenz lachend die Hand gedrückt.

Das Bühnenbild war fast fertig, als sie zur ersten Probe eintrafen. Man begrüßte sich. Hronek angespannt, befangen, als er Lorenz sah.

Sie fingen mit einem Durchlauf des ersten Aktes an. Lorenz blendend vorbereitet, den Text neu und besser strukturierend; jetzt hatte er die Rolle. Aber an Annas Flirren, an ihre Authentizität, kam er nicht heran, obwohl sie unpräziser war bei dieser Probe. Ihr fehlte nur noch die Sicherheit, ihm aber die eigentliche Dimension.

Hronek machte ihm ein Kompliment, mit Mühe. Er ließ Anna kaum aus den Augen.

„Ich hab dich angerufen“, flüsterte sie Lorenz zu vor einem Auftritt, „aber du wohnst ja nicht mehr in der Pension.“

„Ich bin bei Sophie“, sagte er.

„Ah ja. – Ich ruf dich an heute Abend.“

„Ob ers erlaubt?“

Sie kicherte; sie spielte die folgende Szene herrlich.

„Er ist irrsinnig eifersüchtig“, sagte sie am Telefon, glücklich, lachend. „Er glaubt nicht, daß da nichts war zwischen uns.“

„Und er läßt sich scheiden“, sagte Lorenz, „und hat der Tochter die Leviten gelesen.“

„Er hat uns beiden die Leviten gelesen“, jauchzte Anna, „und scheiden läßt er sich erst, wenn der Zeitpunkt günstig ist.“

Und sie war trotzdem bei ihm und war von ihm hingerissen.

„War er nicht anbetungswürdig“, fragte sie, „als er den Frühstückstisch niedergetreten hat? Er wollte dich umbringen!“

„Anbetungswürdig?“

„Ja, anbetungswürdig!“

Spät von der Probe heimkommend, setzte sich Lorenz vor den Fernseher; er wollte sich noch Blödsinn hineinziehen, um schlaff zu werden, sich abzuschütteln. Klara kam lächelnd ins Zimmer. Sie war den ganzen Tag schon dagewesen und frisch und strahlend. Und Sophie stand hinter ihr und hielt ihre Hand.

Sie sagten nichts. Lorenz starr. Er schloß die Augen: Trugbild, Wachtraum. Ein Räuspern und ein Kichern. Sie setzten sich zu ihm.

„Ich hab recht gehabt“, sagte Sophie.

Er spürte Klaras Gegenwart, die Schulter heiß.

„Es ist die Schwester“, krächzte er, „die Zwillingsschwester, lang verschollen.“

„Genau …“

Die Stimme, Klaras Stimme. Er sah sie an. Sie schimmerte. Und er: er leuchtete sie an. Sie waren scheu. Sophie verschwand.

„Ich wollte fernsehen“, sagte er.

Sie hatte abgedreht. Jetzt griff sie nach der Fernbedienung.

„Gut, wir sehen fern …“

Er hielt sie davon ab.

„Ich hab dein Zimmer schon gesehen – karg; ganz schön. – Ich danke dir, daß du für meine Mutter …“

„Wo warst du denn!?“

„In Deutschland – mich wiederfinden – heißt das so?“

Sie lachte; schmiegte sich an ihn, ganz leicht, ein wenig.

„Du riechst so gut.“

„Und du erst.“

„Nein, ich stinke.“

„Der Schweiß der Kunst, der stinkt doch nicht.“

„Er stinkt zum Himmel.“

Nur langsam fiel das Scheue ab; nicht mit den Kleidern; erst in der Früh, als sie gekostet hatten, aufgefressen; erschöpft; bei offenem Fenster trockneten sie langsam in der Sonne, Leib an Leib.

„Hast du im Lotto gewonnen?“ fragte Anna bei der Probe, mitten auf der Bühne.

Er tanzte.

„Sie ist wieder da“, sang er.

„Klara?“

„Klara, ja.“

Anna ging vor zur Rampe.

„Ignaz?“ flüsterte sie ins Dunkel.

„Ja“, sagte Hronek.

„Klara ist zurück!“

„Na und?“

„Jetzt entspann dich doch endlich!“ Anna stampfte mit dem Fuß auf.

„Bei dem nützt doch nichts, nichts!“

„Wie meinst du das?“ fragte Lorenz.

„Daß ich sehr gern mit dir arbeite.“

Lorenz grinste. Er winkte ins Dunkel.

Nach der Probe rannte er nach Hause. Klara kramte in ihren Sachen, ordnete.

„Ich muß mein Leben in Ordnung bringen“, sagte sie.

„Alles auf einmal?“

„Ja, leider.“

Sie sah ihn nachdenklich an.

„Ich kanns dir nicht ersparen“, murmelte sie.

„Was denn?“

„Die ganze Geschichte.“

„Verschiebs! Ich will es jetzt genießen, daß du da bist.“

„Ich aber kann nicht genießen, wenn ichs verschiebe.“

„Du hast es genossen!“

„Meine Mutter hat mir abgeraten. Wenn ich dich behalten will, soll ichs vergessen. – Seltsam, meine Mutter, die das sagt!“

„Sie kennt mich gut.“

„Na dann verlier ich dich – nein, du verlierst mich …“

„Bis zur Premiere – kannst du nicht …?“

„Nein. – Es ist jetzt unerbittlich, ich mit mir – Vielleicht später laß ich nach, jetzt nicht. – Ich kann nicht leben hier mit dir und Liebe spielen, wenn du nicht weißt, wer ich bin.“

„Was weiß ich, wenn ich was weiß? Ich hab über meinen Vater alles gewußt, nichts nämlich.“

„Und ich soll heimlich zum Prozeß, und du wirst keine Zeitung lesen?“ fragte Klara.

„Was für ein Prozeß?“

„Du fragst schon …“

„Wirst du verhaftet?“

„Nein“, sie lächelte, „als Zeugin, ich war nur eine Randerscheinung. – Ich kann dich nicht behalten. Du mußt zuhören oder gleich gehen. Aber deine Absolution will ich nicht, oder Mitleid, oder Verständnis. Ich habe keine Schuld zu beichten. Meine Geschichte wird dich erschrecken, und du wirst keinen Grund mehr erfinden müssen, um mich zu verlassen.“

„Ich will dich nicht verlassen!“

„Jetzt noch nicht…“

Die Heiterkeit, die sie eingehüllt hatte, diese schwebende Gewißheit, fiel langsam von ihr ab. Sie küßte ihn, erbittert.

„Zum Abschied“, sagte sie.

„Er ist dort aufgetaucht“, erzählte sie, „in dem Lokal, ich war da Kellnerin: Paul, unsympathisch, ein Macho, selbstbewußt, sein Blick auf Frauen, auf jede Frau, taxierend, unverschämt. Er sah gut aus, groß, kräftig; und unbekümmert, unbehaust. Sie sahen alle hin, wenn er hereinkam, alle Weiber. Und hat mich angespielt. Ganz automatisch, dachte ich, ein jeder flirtet mit der Kellnerin; ab Mitternacht massiv, die besonderen Gäste: Gockel, Sanfte und die Selbstbewußten, Kampftrinker alle. Paul trank nicht viel. Und war so sicher, alle andern auszustechen. Zwar hat er auch geprotzt, mit seinem Auto, Einladungen in Nobelrestaurants; ich hab gelacht, auch als er direkt wurde, mir den ersten wirklichen Orgasmus meines Lebens versprach, gelacht. Da mußte er mich haben. Er ist mit Frauen aufgetaucht, provozierend, mit halben Kindern, reifen Damen, auch mit Huren. Szenen nur für mich. Ich hab gelacht noch eine Weile, dann hab ich ihn angeschrien, daß er sich schleichen soll. Da blieb er weg, tatsächlich, fast zwei Wochen lang. Und ich habe gewartet. – Warum? Dieses Arschloch? Bin ich nicht klug? – Ich war nie klug mit Männern. Die Sanften, Feinen wollte ich immer, aber hab sie nicht ertragen. Sie mußten stark sein, souverän, Götter, die mich gängelten; wofür ich sie gehaßt – und mich gehaßt und unterworfen – Damals war ich nur ein Körper, der zur Arbeit geht und wieder heim und schläft und trinkt und lacht. Als er wiederkam, charmant, und mit mir redete wie mit einer alten Freundin, ganz ohne Druck, so greifbar, fern, da war ich reif. Er hat gewartet, bis ich fertig war, bis zwei Uhr früh. Dann gingen wir. Er hat nichts vorgeschlagen. Ich ging mit ihm.“

Klara hielt inne, grübelte.

„Erspar mir die Details“, sagte Lorenz, flach.

„Ich hab mich unterworfen, wieder, natürlich“, fuhr Klara fort. „Ich zitterte, wenn er mich angriff und ich…“

„Bitte!“ stöhnte Lorenz.

„Selbstverachtung, Hörigkeit; als ob ich Dreck sein wollte.“

„Und er hat dich auf den Strich geschickt …“, flüsterte Lorenz.

„Nein“, sie schüttelte den Kopf, erstaunt. „Er wollte mich für sich allein. Er war ein Zuhälter, ich sein Luxus; auch sein Publikum. Er hat mich mitgezerrt; ich sah, wie er sie schlug, die Mädchen, und sie tröstete; ich schrie vor Eifersucht; ich hätte alles, alles getan, um ihn zu erreichen, zu gewinnen. Er schien mit seinen Mädchen sanfter, liebevoller umzugehen;mir schien es so; sie waren ihm viel näher, als ich je konnte. Verloren war ich, sein Besitz, das war mir recht; Begehren, und Ekel nur vor mir selbst, wenn ich mich nicht mehr spürte. Doch wenn er nach mir griff… Er schlug mich manchmal, in Ritualen, angebunden, da war er nah, da war er mein, und ich verlangte, daß er mich tot schlägt, daß es aufhört, daß die Verzweiflung aufhört. Mitunter, klar im Kopf, sah ich mich an, im Spiegel; und wollte heim und floh; ich kam nicht heim; ich wollte die Erlösung durch ihn, durch Paul. Ich stahl Tabletten aus seinen Vorräten, um stumpf zu sein, wenn ich allein war; er nahm sie mir weg, und auch den Alkohol, er wollte, daß ich wach war, daß ich sah und hörte und spürte, roch und schmeckte: wach, hellwach.“

Sie schwieg.

„Weiter“, krächzte Lorenz.

„Ich habe Glück gehabt. Er hat einen erschlagen. Ich habs gesehen. Und der Polizist, der mich verhörte, glaubte nicht an das Alibi, das ich ihm gab, und er blieb dran an mir, besuchte mich, wenn ich allein war, freundlich, sagte mir, daß ich nicht dahin paßte, wo ich war, daß er mir helfen könne und mich schützen. Der alte Trick der Polizei, am schwächsten Punkt zu bohren – und das war ich, der schwächste Punkt. Paul drohte mir. Er hatte Angst. Er war kein Gott mehr. Nur ein Mörder, ein Zuhälter, der einen andern Zuhälter im Streit erschlagen hat; verwundbar: er. Der Ekel wuchs und hat mich eingehüllt. Paul fand die Karte von dem Polizisten; ich weiß nicht, hab ich sie hingelegt, daß er sie findet; er gab sie mir zu fressen. Er band mich fest am Küchentisch und schlug mich blutig mit dem Gürtel. Ich wehrte mich, erstmals, ich schrie vor Wut. Und hab ihn dann verraten. den Polizisten angerufen und gestanden, alles erzählt, mehr als er wissen wollte.“

Stille. Lorenz lag auf dem Bett, bewegungsunfähig. Klara, aufrecht auf dem Sessel bei ihrem Tisch, sah zu ihm hin, furchtlos, erleichtert, und sie wartete.

„Und dann?“

„Dann du“, sagte sie; und nach einer Weile: „Ich hatte das Gefühl, daß ich dich lieben kann vielleicht, wenn der Ekel aufhört, aber anders, nicht Erlösung suchend, und die Lust auf dich, so groß sie war, war nicht verzweifelt; drum bin ich fort, als du bedingungslos und hingerissen… das konnt ich nicht erfüllen, kam mir vor, ich war nicht frei für dich; du warst mein Freund, viel näher, dennoch – verschwinden wollt ich, aber magisch angezogen bin ich hin zu meinem Vater; er ist lieb, kein Monster, alt.“

„Ich bin auch zu meinem Vater – in den Keller …“

„Ja, hab ich gehört.“

„Ich war in Sicherheit. Was jetzt?“

„Ich weiß nicht.“

„Die Väter, ja, ganz nett, die Selbsterkenntnis, wunderbar, keine Illusion mehr, und deine Geschichte, die Wahrheit – toll! Und? – Ich weiß, in Afrika hungern sie und singen, und ich mit den Neurosen, wohlgenährt, ich klage, lächerlich! Und doch zerreißt es mir das Herz!“

„Und mir, wenn du fortgehst.“

„Geh ich denn fort?“

„Vielleicht …“

Sie schwiegen, starrten einander an. Er schlug die Augen nieder.

In der Nacht kam sie in seine Arme. Er stürzte sich auf sie; er stieß und biß; er prügelte den andern, der nicht da war, der nicht existierte; und weinte dann, frustriert und leer.

„Sehr sportlich“, sagte Klara. Sie streichelte sein nasses Gesicht; tröstete ihn. Er schämte sich, er wand sich los, er haßte sich und sie.

Auf der Probe Schwierigkeiten. Anna fragte, ob Klara wieder verschwunden sei. Er schüttelte den Kopf, er wollte in Ruhe gelassen werden.

„Ich habs gewußt“, knurrte Hronek.

Lorenz versuchte, sich zu konzentrieren, versuchte, seinen Zustand für die Rolle zu benützen. Das ging nicht gleich.

Er wohnte weiterhin bei Klara. Er brauchte ihre Nähe. Sie war für ihn da, geduldig. Sie arbeitete mit ihm. Er nahm sie zu den Proben mit, was Hronek erst nur widerwillig zuließ. Der Alfonso aber begann zu blühen. Bald blühte Hronek auch und band sie ein in die Gespräche. Sie machte sich nicht wichtig; sie sah gut hin und unbestechlich, stellte präzise Fragen immer; zwar wußte sie wenig vom Theater-Handwerk, aber was ihr von der Bühne entgegenschlug, verstand sie besser als jeder andere.

In den Nächten schliefen sie im selben Bett. Begehrlich beide; doch zuckte er zurück vor ihrer Haut. Er schämte sich, daß sie so fremd war jetzt. Von Tag zu Tag vertrauter. Sie wachten auf umarmt, verschlungen. Dennoch Krampf, wenn er sie spürte und wach genug war, um zu grübeln, eifersüchtig. Nur in der Arbeit war es gut. Auch weil er zunehmend und schamlos für die Rolle alles benützte, was da war: Sehnsucht, Heiterkeit, Verlangen und Verzweiflung.

Am Premierentag kein Lampenfieber. Lorenz schlief lange und tief. Die letzte Probenwoche, wie immer hysterisch, war sehr anstrengend gewesen. Aber die Stimmung im Theater war gut: niemand zweifelte am Erfolg.

Er frühstückte mit Klara und Sophie um elf, ruhig; ging spazieren in der Stadt, Geschenke kaufen, Kleinigkeiten, für Anna und die Kollegen; legte sich hin dann für zwei Stunden Halbschlaf. Dann ins Theater, lange vor der Zeit. Das Ritual der Vorbereitung, um zur höchstmöglichen Konzentration zu gelangen. Er ging auf der Bühne schnell die Auftritte und Gänge durch; dann in der Garderobe, auf dem Klappbett liegend, den ganzen Text, mit geschlossenen Augen, halblaut, Situation für Situation, Satz für Satz. Dann in die Maske.

Geschminkt und kostümiert saß er in der Garderobe vor dem Spiegel, beschäftigt mit Entspannungsübungen, als Anna auftauchte, wirr, aufgerissen.

„Bist du betrunken?“ fragte er erschreckt.

„Nein, schwanger. Ich bin sicher.“

„Und wie lang kannst du noch spielen?“

„Jetzt, was der nur ans Theater denkt! Das bin doch ich sonst!“ Sie setzte an zum Lachen, lachte nicht; sie boxte ihn, es schmerzte; sie war wütend, verzweifelt, rasend.

„Du wirst es kriegen, was?“

„Ich weiß nicht. Es ist nicht der Punkt! Der Punkt ist, daß er glaubt, es ist von dir.“

„Von mir? Dann wärst du ja schon dick und fett!“

„Genau!“ Sie lachte schrill: „Othello muß ein Bruder sein von ihm.“

„Er wird mich töten, nach der Premiere, was?“

„Ganz sicher.“

„Wunderbar!“

Er fand es komisch, Anna nicht. Er wollte sie umarmen. Sie stieß ihn weg zuerst. Dann, voller Tränen, lachend, umarmte sie ihn doch, das Ritual: „Es wird schon schiefgehen.“ Sie spuckten einander über die Schulter.

Klara kam herein, als Anna weg war.

„Sehr witzig“, sagte sie.

„Was meinst du?“

„Er schläft mit seiner Partnerin.“

„Einmal, und es ist lange her.“

„Hast du eine ausgelassen?“ fragte sie sarkastisch.

„Viele, und das Herz war nie dabei!“

„Wie blöd du bist, was du für Schwachsinn redest!“

Sie schlug ihm ins Gesicht; lachte; steckte ihm die Zunge in den Hals.

„Alfonso küsse ich, den König“, sagte sie.

Dann wünschte sie ihm Glück.

„Du mußt mir Hals- und Beinbruch wünschen und überzeugend sagen, daß es schon schiefgehen wird – und spuck mir über die Schulter.“

Das tat sie; hielt ihn fest umarmt; und lachte wieder, als sie merkte, daß er sie begehrte wie noch nie. Sie berührte ihn durch teures Tuch.

„Da schau her, der geile König“, sagte sie und ging.

Und Lorenz nahm den Zustand mit, den Rausch, die Verwirrung, mit auf die Bühne, und spielte wie in Trance.

Am Ende Jubel. Lorenz wundgespielt, erleichtert, leer. Bei der Premierenfeier drückten ihm wildfremde Leute die Hand. Anna tanzte, vielgeküßt. Hronek saß an einem Tisch und trank vor sich hin, hielt Hof.

Lorenz nippte am Sekt an der Bar, Klara, neben ihm, genoß seine Freude. Er ließ ihre Hand nicht los. Als ein Fernsehteam zum Interview bat, Seitenblicke, entzog sie sich, sie wollte nicht ins Bild.

Der Interviewer war sehr flockig.

„Bewundernswürdig“, sagte er, „wie Sie diesen Text so selbstverständlich, Grillparzers Sprache, die doch so vertrackt …“

„O“, sagte Lorenz, „meine Muttersprache.“

„Das heißt, Sie haben schon als Kind …“

„Ja sicher, schon als Kind.“

„In Versen?“ Der Interviewer fand sich witzig.

„In Versen, ja. – Leben Sie hier, in Wien, schon lange?“

„Ja, seit immer.“

„Und wissens nicht? Sie haben es verlernt, nicht wahr?“

Er grinste in die Kamera, er winkte; drehte sich weg. Für pr war er nicht recht brauchbar.

„Sehr belehrend, was?“ grinste er Klara an.

Er fragte nach Sophie.

„Hats ihr gefallen?“

„Sie ist ganz stolz.“

„Hast du sie schon nach Haus gebracht?“

„Gleich nach der Vorstellung.“

„Und gehts ihr halbwegs?“

„Ja, es geht ihr gut.“

Er umarmte sie.

„Mußt du noch lange feiern?“ fragte sie.

„Nein, ich muß gar nicht.“

„Willst du?“

„Ich weiß nicht.“

„Es sind sehr viele Trotteln da.“

„Heut find ich alle nett.“

Sie nahmen ein Taxi; fuhren zum Fuß des Kahlenbergs, wo der Wald beginnt. Und gingen, im Mondlich, einen Waldweg entlang, nach oben; schweigend. Rast auf einer Lichtung, auf einem Baustumpf nebeneinander.

„Ich bin nicht würdig“, sagte Lorenz plötzlich.

„Du redest wie ein Ministrant.“

„Ich bin nicht katholisch!“

„Umso schlimmer.“

Sie gingen weiter.

Sie fragte: „Willst du mein Bruder sein, mein Onkel?“

„Dein Onkel?“

„Ein paar Schritte darfst du dich nur noch ekeln!“

„Ich ekle mich doch nicht!“

„Ach –“

„Nein – ich weiß nicht – es ist …“

„Furcht?“

„Panik. – Und ich hab dir nichts zu bieten.“

„Ach, lahm! Du drehst es um. Bin ich dir überlegen? Ich bin dir überlegen, natürlich. Bin ich stärker als du? Ja, ich bin stärker.“

„Mit dir ist es für immer…“

„Aber halten werde ich dich nicht. Und ich kann leben ohne dich. Nur frag ich mich, wozu?“

„Seit ich dich sah, empfand ich, daß ich lebte.“

„He, Alfonso, das bin ich nicht; ich bin nicht Rahel.“

„Doch.“

„Ich war dir treu übrigens, die ganze Zeit.“

„Ich nicht.“

„Ein Schwein, der Mann!“

„Wir haben aber …“

„Nichts versprochen? Nein, ich weiß.“

„Es tut mir leid.“

„Unsinn!“

Lorenz blieb stehen: „Was soll ich tun, sags mir!?“

„Loslassen.“

„Du redest wie Benedikt.“

„Auf der Bühne hast du losgelassen.“

„Auch mit dir – dann warst du aber fort – und als du wieder da warst, war ich glücklich – aber dann – die Fremdheit plötzlich…“

Er senkte den Kopf. Klara packte ihn bei den Oberarmen, suchte, sich bückend, von unten seinen Blick, schüttelte ihn, bis er den Kopf wieder hob und sie ansah.

„Ich lieb dich, Lorenz, sehr, aber ich erlaub dir nicht, mich zu verachten.“

„Verachten? Nein, ich bin nur rasend eifersüchtig.“

„Auf dich selber? Sonst ist niemand, und nichts.“

Er seufzte: „Das kann ich wissen, aber nützt das was? Und mußt nicht du mich verachten?“

„Weil du Angst hast?“

„Meine Schwäche…“

Sie lächelte. Sie fuhr ihm übers Haar.

„Du hörst nicht zu“, sagte sie leise. „Ich hab gesagt: ich liebe dich. Ich sags dir jeden Tag und immer neu und überraschend.“

Sie gingen weiter; stumm, alles gesagt.

Ob er fliegen sollte, in die Sonne? Sich ausliefern dem Wahnsinn der Heiterkeit? Sich zutrauen die Gewißheit der Liebe, dieses Chaos gegen den Tod? Die Ewigkeit ein Augenblick. Die Grenzen überschwemmt. Ohne Netz in Sicherheit, der Ungewißheit heiter verfallen. Er spürte sie, Klara. Unerbittlich ihr Ernst, voll Lachen. Ihr Haß entschieden, der Liebe gleich. Woher sie das nahm? Sie würde ihn nicht fallen lassen, wenn er versuchen wollte, sie auf Händen zu tragen. Was für eine Möglichkeit gegen all die Vorsicht bisher und die Rücksichtslosigkeit. Ob er imstande war? Diesen Traum hatte er nie geträumt; geerbt indes – das Glück?

Oben am Berg, im Gras, war alles einfach. Ihm schien, er habe sie noch nie berührt. Nackt, als die Sonne aufging; hungrig, gierig, leicht. Sie schrien, kicherten, wund, im Gras, vom Tau benetzt, tatsächlich, und von allen Säften.

Ende