Des Meeres und der Liebe Wellen

von Franz Grillparzer

Premiere 3. März 2004

Volkstheater Wien, Theater in den Bezirken

Eine junge Frau, Hero, um der traditionellen Frauenrolle als Ehefrau und Mutter „an Gattenhand“ zu entgehen, wird Priesterin im Tempel der Aphrodite auf der Insel Sestos; geht also, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen, um frei zu sein, ins Kloster, und die Verpflichtung zur Ehelosigkeit erscheint ihr mehr als Privileg, denn als Entsagung. Auch fällt ihr weder die verdrehte Logik auf, die die Priesterin der Liebesgöttin mit Liebesverbot belegt, noch, dass alle Macht im Priesterstaat in den Händen ihres Onkels, des Oberpriesters, liegt, der die restriktiven Regeln der Sestos-Sekte unerbittlich exekutiert: Heros Freiheit und Selbstbestimmung sind strikt begrenzt.

Die Weihe zur Priesterin, mit der Heros Entscheidung für immer unumstößlich wird, wird als Fest, an der auch das Volk und Besucher vom Festland teilnehmen dürfen, als Machtdemonstration der Priesterschaft gefeiert. Unter den Besuchern nun Leander, der, den Tod seiner Mutter betrauernd, wenig Lust auf Festlichkeiten hat und nur widerwillig mit einem Freund, Naukleros, der ihn unbedingt aus seiner Melancholie reißen will, mitgekommen ist. Die Begegnung von Hero und Leander im Augenblick ihrer Weihe zur Priesterin, diese Liebe auf den ersten Blick, das Verlangen leidenschaftlichen Begehrens also, das beide im Tempel der Aphrodite unvermittelt überfällt, beendet nicht nur Leanders melancholische Lethargie, sondern auch Heros so vernünftigen Lebensplan; und ihr Entschluss zu Freiheit und Selbstbestimmung definiert sein Ziel vollends neu, als Leander, nach dem Fest vom Oberpriester der Insel verwiesen, in der Nacht vom Festland zur Insel schwimmt und in Heros Turm eindringt: im Bewusstsein von Verbot und Todesdrohung zögert sie kaum, sich auf die Gewissheit dieser Liebe in aller Unbedingtheit einzulassen.

Jung und gemäß ihrem aufrechten Wesen hat sie jedoch, um ihre Liebe zu schützen, den Ränken ihres Onkels, des Oberpriesters, wenig entgegenzusetzen; zumal dieser sein Werk der Vernichtung im Namen einer vermeintlich höheren Moral zur Rettung Heros betreibt: sobald er die von der Liebesnacht trunken-müde Hero verdächtigt, in der Nacht unmittelbar nach ihrem Zölibats-Gelübde einen Mann in ihren Turm eingelassen zu haben, beschäftigt er sie mit Aufträgen, um sie vollends zu ermüden; und als sie erschöpft einschläft, statt wachend auf ihr nächtliches Stelldichein mit Leander zu warten, löscht er die Lampe, die dem Schwimmer den Weg durch die Klippen weisen soll …

Franz Grillparzer (1791–1872), der in seinen Stücken dem Obsessiven, oft dunkler, selbstzerstörerischer Leidenschaftlichkeit nachspürt, beschreibt die Liebe von Hero und Leander in ‹Des Meeres und der Liebe Wellen› (1831 uraufgeführt) als jung-strahlende, in ihrer Unbedingtheit gänzlich unschuldige Leidenschaft, das Erwachen von Sinnlichkeit und Sexualität als ursprünglich-hinreißende Lebendigkeit; düster und tödlich in diesem Stück ist die starre Macht-Ordnung der Sestos-Sekte, die im Namen der Liebesgöttin Aphrodite Liebe und Sinnlichkeit ausschließt, menschliche, gar weibliche Selbstbestimmung strikt reglementiert und zur Selbsterhaltung eine Moral bereithält, die jede Vernichtung legitimiert. So gesehen hat das Stück kaum an Aktualität eingebüßt: nach wie vor sind wir mit restriktiver Moral und Macht-Anmaßung konfrontiert, die mit Bösartigkeit und Vernichtungs-Gräuel zum Zwecke der eigenen moralisch höheren, also guten Sache keinerlei Probleme hat; und nicht nur konservativen Selbstbeschränkungs-Ideologien, sondern auch der sogenannten Spaßgesellschaft, deren Freizügigkeitsgetue ausschließlich an Oberflächenreizen entlangkreischt, ist eine so unbedingte Leidenschaft wie die Heros und Leanders ein Ärgernis.

Hero Jaschka Lämmert

Oberpriester Alfred Rupprecht

Leander Rafael Schuchter

Naukleros Simon Hatzl

Janthe Ursula Strauss

Hüter des Tempels Roger Murbach

Heros Vater Wolfgang Klivana

Heros Mutter Linde Prelog

Dienerinnen Elisabeth Balog, Alicia Thomas

Wächter Jerzy Machalowski, Mario Schober

Inszenierung Wolfgang Palka

Bühne Martina Tscherni

Kostüme Mimi Zuzanek

Notizen zum Stück

Zakynthos, September 2003 – Hero geht ins Kloster, um der traditionellen Frauenrolle zu entgehen. Dass die Frau im Tempel auch „etwas gelte“, erklärt sie ihrer Mutter. Nur was gilt sie? Hero ist (wird) die Priesterin in diesem Priesterstaat, nur ist die Macht längst bei den Priestern (den Männern), in der Gestalt ihres Onkels. Sie repräsentiert nur diese Macht. Und dass sie als Orakel fungiere, ist nur eine Möglichkeit, nicht mehr das Wesen ihrer Priesterinnenschaft, und etwas, das letztlich auch vorgetäuscht sein darf. Sie ist nur noch für das Äußere der Riten zuständig, für die Liturgie, und erfüllt so nur leere Traditionen.

Überhaupt hat die Religion in diesem Sestos kaum was, außer den Namen der Götter (und wofür sie stehen), mit den Griechen zu tun. Man darf sich, und damit befinden wir uns mitten im 19. Jahrhundert, durchaus die katholische Kirche vorstellen, eine Institution, die, wie bekannt ist, im Namen der Liebe Herrschaft eingerichtet hat; dies auch in den eigenen Reihen, die Hierarchie ist deutlich.

Und im Namen der Aphrodite, der Liebesgöttin, der Göttin der Begierde, des Sexus, der Leidenschaft (vom Onkel-Oberpriester umgedeutet) zölibateres Leben. Also kein heiliges Bordell, sondern katholische Nonnen, die Liebe und Fruchtbarkeit, Begehren und Fortpflanzung, die ihre Götter symbolisieren, auszuschließen haben aus ihrem Leben.

Dies gilt auch für den Onkel-Oberpriester, der sich vollständig domestiziert hat, so scheints; allerdings – und das deute auf Not als Wurzel der Notwendigkeit – verfangen in einem massiven Frauenhass, der ein Hass auf alles Lebendige ist. Dieser Hass ist naturgemäß auf Vernichtung aus und ist so die psychische Wurzel aller fundamentalistischen Religionsherrschaft (und also Sektenherrschaft), die diesen Hass strukturell rationalisiert. Das heißt aber, dass der Oberpriester, genau genommen, den Hass als Gefühl gar nicht kennt, die Vernichtung als Pflicht begreift, Frauen als solche nur verachtet; und es bedeutet, dass seine Sorge um Hero, die als Priesterin von allen anderen Frauen unterschieden ist (und damit ihre Weiblichkeit hinter sich lässt), echt ist – der Zynismus, strukturell deutlich, um Herrschaft aufrecht zu erhalten, ist seinem Wesen völlig fremd. Dass er diesen Fundamentalismus individuell nur aushalten kann, indem er die eigene Lebendigkeit in einen Selbsthass einkapselt, den er als Gefühl nicht wahrnimmt, versteht sich.

Um Hero als Priesterin, also als Mensch und nicht als Frau, wahrnehmen und achten zu können, muss der Oberpriester ihr das Menschliche, also Weiblichkeit als Lebendigkeit, austreiben.

Er weiß, dass dieses Sich-Fügen in die Erstarrung (die er nicht als solche begreift) schwierig ist, und es ist ihm heilige Pflicht, diese Austreibung des Lebendigen zu fördern. Nun wird am Anfang des Stücks deutlich, dass Hero eine Prüfungszeit, den Großteil ihrer Ausbildung, schon hinter sich hat, die am Tag der Weihe zur Priesterin durch die Begegnung mit ihrer Mutter abgeschlossen wird. Eingebettet in die Szene dieser letzten Prüfung, die Hero bravourös besteht, ist nun nicht nur die Taubenszene, die das fundamentalistische System (das Sektengesetz) beschreibt, das die Verehrung der Fruchtbarkeit mit dem Ausschluss alles Fruchtbaren kombiniert, sondern insgesamt die Information über Heros Motive und Wesen, insofern nicht nur deutlich wird, dass sie das Lebendige im Erstarrten meint und die Freiheit in der Unfreiheit sucht, sondern auch, dass sie auf ihre Lebendigkeit nicht verzichten wird und das Problem, um das es geht, nur deshalb nicht als solches erkennt, weil sie damit noch nicht konfrontiert war. Das Problem, naturgemäß, ist die Liebe als leidenschaftliches Begehren, also Sexualität.

Ein Stück über Sexualität also; und diesbezüglich über die Emanzipation des Begehrens von allen Ansprüchen der gesellschaftlichen Umwelt. Dieses emanzipierte Begehren hat nun, genau genommen, nicht nur in Sestos, im Priesterstaat (auf unserer Sekteninsel), sondern auch in den umliegenden Gegenden keinen Platz; ist aber in Sestos, da es die Priesterin, also die Repräsentantin dieser Ordnung, betrifft, unmittelbar subversiv.

Der Onkel-Oberpriester handelt nun angesichts der Gefahr durch Abweichung, die er als Bedrohung der Ordnung begreift und die selbstverständlich eine Bedrohung dieser Ordnung ist, folgerichtig und auch klug.

Es geht ihm eigentlich nicht darum, Hero zu bestrafen, sondern er will ihr Problem gleichzeitig mit seinem und so glatt wie möglich lösen. Dabei muss er Heros Problem naturgemäß missverstehen, weil er ihre Lebendigkeit, solche überhaupt nur als Abweichung begreifend, nicht versteht, also die grundsätzliche Veränderung Heros nicht begreift, die, so entschieden und entscheidend sie ist, gar keine Veränderung ist, insofern Hero ja nur bei sich angekommen ist, sich als Persönlichkeit vollendet hat, aber damit nicht mehr die Möglichkeit hat, die „Freiheit“ der zölibateren Priesterin zu wählen.

Der Oberpriester hat also keinerlei Kompetenz zur Problemlösung. Er versucht sein Bestes. Und wie immer, wenn das Böse sich, besten Wissens und Gewissens, für das Gute hält, kommt völlige Vernichtung dabei heraus. Dass der Onkel sich dabei selber die Finger nicht schmutzig macht, sondern sein Vernichtungswerk den Elementen überlässt, verweist auf das Strukturelle der Konflikte und der Gewalt, die sich auf Individuelles (etwa Schuld oder Unschuld) nicht reduzieren lassen: es geht, auch im Privaten, um Gesellschaft.

So ist das Drama, die Tragödie, auch keineswegs im Konfliktfeld von Pflicht und Neigung, wie etwa bei Schiller durchwegs, zu verstehen – Hero hat keinen Konflikt zwischen Pflicht und Neigung: in dem Augenblick des Erkennens ihres Begehrens, findet sie diesbezüglich auch zu völliger Gewissheit und Sicherheit. Sie sieht zwar selbstverständlich das Problem mit ihrem Status als Priesterin, ist sich aber vollkommen sicher darüber, dass sie es nur im Sinne des Begehrens bearbeiten wird. Dieser Status als gesellschaftlicher ist ihr in dem Augenblick, in dem er ihr die Freiheit, um die es ihr geht, nicht mehr bietet, auch vollkommen gleichgültig. Es ist ein Job, den sie kündigen wird.

Man fragt sich hier, von heute aus gesehen, natürlich, warum sich die Nonne nicht auf Leanders Rücken und dann auf seine Harley schwingt, um mit ihm abzuhauen.

Zwei Gründe: der eine, wie erwähnt, dass es keinen adäquaten Ort gibt für dieses emanzipatorische Begehren. Der zweite der Zeitfaktor – die Geschichte insgesamt dauert drei Tage; und nach der Nacht des gegenseitigen Erkennens folgt nur noch die Begegnung im Tod.

Dass allerdings die beiden keinen Weg von Sestos weg gefunden hätten, ist (bei aller Schwierigkeit, die die Lebensorganisation noch gebracht hätte) nicht anzunehmen: nicht im Begehren wurzelt die Tragödie, sondern in den Verhältnissen einer in sich erstarrten Welt, die gegen alles Lebendige Abwehrmechanismen der Vernichtung entwickelt hat.

Da mag man an unsere „Spaßgesellschaft“ auch denken, die zwar die permanente sexuelle Verfügbarkeit propagiert, aber dabei die Beliebigkeit der Begegnungen zum Austausch von Körperflüssigkeiten; ein kreischendes Sich-Entäußern, das dem Leistungsstress von Orgasmus-Quantitäten ausgeliefert ist: auch das keine Welt, in der das Begehren der Leidenschaft Platz finden könnte, zumal sie nur die hysterische (aber letztlich identische) Kehrseite abendländischer Körperfeindlichkeit darstellt: als Vernutzung der Körper im fahrlässigen Gebrauch.

So gesehen ist ein emanzipiertes (also emanzipatorisches) Begehren und die Gewalt der Leidenschaft, die ihm innewohnt, in seiner Lebendigkeit nach wie vor subversiv und ein Ärgernis, das leicht in den gesellschaftlichen Abwehrmechanismen zu Tode kommt.

Paare – Grillparzer ordnet die Figuren in der Hero jeweils paarweise an. Nicht nur, klassisch, Heros Eltern: der Vater, ein Mini-Patriarch, mit der bis in ihre Überzeugungen hinein domestizierten neurotischen Frau – aber er ist sich, zumindest sobald sie mit ihrer Tochter redet, ihrer in keiner Weise sicher, bewacht sie mit Argusaugen, fürchtet Abweichung, Verlust; sondern Paare auch in, durchaus komisch angelegten, Spiegelungen: der Oberpriester und der Tempelhüter, wo der Tempelhüter die Hausmeistervariante des Oberpriesters darstellt, der eigentliche Chef des Ganzen (Hochstatus gegen Tiefstatus im selben Größenwahn); Leander und Naukleros, dieser die extrovertierte Variante des stillen Leander, laut, ein wenig angeberisch, weltkluger Macho und Coach (dem im letzten Akt im Übrigen ja überhaupt nichts mehr zu sagen einfällt); und natürlich Hero und Janthe, diese – Hero verwandter, als Hero anfangs wahr haben will – konfrontiert sie (und das ist etwa die Situation des anfänglichen Konflikts) damit, dass sie sich ein falsches Selbst konstruiert hat, und so ist die Annäherung im Verlauf des Stücks logisch, entsprechend der Annäherung Heros an sich selbst. Bleibt noch das hohe Paar, Hero und Leander, die zwei Kometen, nachdem sie sich losgerissen aus der Ordnung ihrer Planeten: diese der Motor und die Möglichkeit des Dramas, naturgemäß.

Der gute Mensch – Für den Onkel-Oberpriester ist wesentlich, dass er ein durch und durch guter Mensch ist. (Das Problem mit den guten Menschen: wenn ein böser Mensch dir übel will, schlägt er dich nieder; ein guter, um die Aggression vor sich zu rechtfertigen, muss dich zur Bestie umkonstruieren, und schlägt dich also nieder dann und tritt dich noch, wenn du am Boden liegst.)