‹Kaspel›: Zitat, Pressestimmen

„… Also bin ich aufgewachsen. Wir. Sagen wir, mein Onkel als Pseudonym. Oder in einer Hundehütte. Oben am Wolfsberg. Das ist etwas anderes als eine Stadt. Als Kaffer. Oben am Wolfsberg. In einem Kaff. Das ist etwas anderes als in der Stadt. Das ist das Gemeinsamste. Wir haben alle eine Kindheit, die uns zu schaffen macht. Nicht? Das ist das Gemeinsamste. Wenn wir nichts verstehen wollen, suchen wir einen Schuldigen. Nicht? Wenn wir uns verstehen wollen, suchen wir einen Schuldigen. Nicht? Das ist das Gemeinsamste.

hubert wolf in kaspel in graz, foto gert heide

Das Gemeinsamste aber ist, daß wir selbst in einem solchen Kuhdorf nicht von der Zivilisation verschont bleiben. Das ist Afrika. Hat das Wandern nix genutzt. Stehen wir vor demselben Ding. Dilemma. Wie der Mostbauer vor seinem Mostapfelbaum. Und schaun. Wo denn die Mostapfelbauernidentität hingekommen sei, fragt der Ziesel. Is eh da, sagen wir. In Resten. Und hängen als Mostapfeldosen vom Mostapfelbaum. Also sagen wir: das Gemeinsamste ist Afrika. Die haben die Kolonisation schon hinter sich. Und zahlen ihren Preis. Wenn sie die Weltbank nicht hindert. Und schlachten. Natürlich. Die Identitätslosen schlachten gern. Pure Freude am Überleben. – Nein, nur ein Job. Nur ein Man-kann-das-nicht-vergleichen. Nur das Schlachten ist so unvergleichlich, daß man es vergleichen kann. Hier in Wien zum Beispiel. Die Kindersoldaten. Aber natürlich, sagen wir. Das sind unsere Kinder. Wann endlich. Wenn der Krieg an die Sichtbarkeit kommt. Und das Schlachten. Wissen wir nicht. Gegen die kleinen Katastrophen sind wir versichert. Dann sterben wir an einem Schnupfen. Oder an einem Hirnschädeltrauma. Oben am Wolfsberg. Haben wir immer Fingerausreißen gespielt. Und gesagt: Das kann schon vorkommen. Daß einer den anderen in den Schwitzkasten nimmt und der stirbt, weil er was am Kopf gehabt hat. Was keiner weiß. Ein Kind schon gar nicht. Die Erwachsenen hätten ja gern, daß einer stirbt, der etwas im Kopf gehabt hat. Was leider nicht so oft passiert. Vor allem die Ärzte. Aber es freut sie auch, wenn einer stirbt, der nichts im Kopf gehabt hat. Hauptsache, zu Lebzeiten genug Fliegen. Das ist das Gemeinsamste. Die Sau liegt als Kaspel im Trog. Und besser, sie zieht Fliegen an. Wir hängen als Mostapfeldosen im Baum und schaun zu. Die Fliegen aber sind Mostapfelwespen. Oder Mostapfeldosenwespen. Und manchmal importiert. Schlüpfen auch welche am Wolfsberg aus. Und denken, sie sind Ferkel. Aber das Schwein hat keine Hände und hebt sie nicht. Nennt man das Warten vorm Trog Kindheit? – Nein? – Das Schwein hat keine Hände und bittet nicht. Das Kind liegt bei den Eltern wie die Made im Speck. Das Schwein hat keine Hände und betet nicht. Das Schwein liegt bei den Kindern im Speck und bittet nicht. Die Eltern liegen beim Schwein und stechen es nicht. Das Kind liegt beim Schwein und riecht sich nicht. Das Schwein liegt im Dreck wie die Eltern beim Kind wie die Maden im Speck. Reimt sich. Nicht? Jeder hat eine Kindheit. …

Aus ‹Kaspel› © Alfred Goubran. Alle Rechte vorbehalten

hubert wolf in kaspel in graz, foto gert heide

Der Grundkaspelpegel. Gelungene Suada über das „Gemeinsamste“. Kaspel sind Küchenreste, die zum Schweinefüttern gesammelt werden. „Kaspel“ ist zugleich ein eindringlicher Monolog von Alfred Goubran, eine an eine „Suada erinnernde Texteinwühlung“. Schauspieler Hubert Wolf gelang unter der Regie von Wolfgang Palka im „Forum Stadtpark“ die spannende Umsetzung. Polemisierend bis philosphierend baute er die originellen Wortschöpfungen (z. B. „Mostapfelbauernidentität“), den hintergründigen Witz in fesselnden, rhythmisierten Sprachduktus. Auch Alfred Goubrans vieldiskutiertes Buch „Der Pöbelkaiser oder Mit den 68ern heim ins Reich“ wurde vorgestellt.

Eva Schulz, Kleine Zeitung, Graz 11. April 2002

Kaspel-Kunst Monolog (cia) Dass Kaspel mit dem Kasperl rein gar nichts zu tun hat, wissen zumindest die Kärntner und Steirer unter den Wienern. Kaspel sind vielmehr die Speise- und Küchenreste, die gesammelt werden, um die Schweine zu füttern. „Kaspel“ ist außerdem ein musikalisch wuchernder Monolog von „edition selene“-Gründer Alfred Goubran, der über das Gemeinsamste von Mostapfeldosenbauern und anderen Lebewesen grübelt. Hubert Wolf spricht ihn virtuos in der angenehmen Atmosphäre des Galerie-Cafés Kandinsky. Regie: Wolfgang Palka. Galerie-Café Kandinsky, 7., Lerchenfelder Straße 13 im Durchhaus

Der Standard, Watchlist, 30. November 2001