Sonnenstich

Eine Komödie von Wolfgang Palka

Premiere 9. März 1995

Volkstheater Wien

hero

Hippolyt, 22 Jahre alt, trainiert für den Weltrekord im Stabhochspringen; für einige Zeit hat er sein Trainingslager im Haus seines Vaters, Konrad, der im Ausland seinen Geschäften nachgeht, aufgeschlagen. Seine junge Stiefmutter, Vera, siecht seit Hippolyts Eintreffen an einer rätselvollen Krankheit dahin; die Ärztin kann physische Ursachen nicht feststellen und rät zu einer psychotherapeutischen Behandlung; Hippolyt vermutet, daß das lange Fernbleiben seines Vaters Vera gemütskrank macht, aber er kann sich auch vorstellen, daß sie unter ihrer Situation als Ehefrau im goldnen Käfig eines allmächtigen Mannes leidet. Tatsächlich jedoch ist Hippolyt die Ursache von Veras Siechtum: sie hat sich in die Krankheit geflüchtet, um sich zu schützen vor verbotenen Gefühlen, die sie zu überwältigen drohen, und um sich verachtender Zurückweisung nicht auszusetzen, die sie befürchten muß, wenn sie sich zu ihrer Leidenschaft bekennt – denn Hippolyt hat sich ganz seinem Sport geweiht, dem großen Ziel, das nichts duldet neben sich. Vera sucht Rat bei Julia, die sie für ihre Freundin hält; aber Julia verfolgt im eigenen Interesse unerbittlich gänzlich andere Zwecke …

Eine „Phaedra“-Variation, heute, im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert; im Zeitalter von Beziehungs-Gemurmel und Bedürfnisbefriedigungs-Geschwätz große Gefühle; unzeitgemäße Leidenschaft alles riskierender Liebe, die sich dem von praktischer Vernunft diktierten Verzicht auf die Fülle des Lebens nicht fügen kann.

Vera Viktoria Schubert

Hippolyt Axel Sichrovsky

Ärztin Brigitte Antonius

Julia Hertha Schell

Konrad Peter Uray

Inszenierung Wolfgang Palka

Ausstattung Mimi Zuzanek

Mitarbeit Sabine Enthammer

Notiz (1995)

Am Anfang stand die Frage nach dem Mythos und der Tragödie: was wäre Phaedra heute – die Königin, die aus Leidenschaft krank wird und sich tötet; als der Stiefsohn sie mit Verachtung zurückweist: nicht aus Scham wegen des Verbotenen, sondern weil diese Leidenschaft auf Verachtung trifft, stirbt Phaedra.

Heute, am Ende des bürgerlichen Zeitalters, da die bürgerlichen Tugenden nur noch in Wahlreden als Werte Genesung versprechen, bürgerliche Ordnung an der Gier, der Dumpfheit, der Banalität, &c. zugrunde geht, ohne daß das Archaische indes könnte wiederkehren, gelingt nicht einmal die Wendung mehr ins bürgerliche Trauerspiel: bleibt die Groteske. – In der Groteske die Reste des Archaischen aufzubewahren, habe ich versucht. Schwierig, denn das Elend, an dem wir unsere Verzweiflung als unausweichlichen Zustand erfahren (so wir nicht an der Grenze der Sozietät dem Alltagsdruck so sehr ausgeliefert sind, daß die Ideologie der Individualität als Drohung keinerlei Sinn zu stiften mehr imstande ist), kommt heutigentags in kleinen Schüben, als Summe von Irrtümern und Erziehungsfehlern, als sozial faßbare Ungleichzeitigkeit und Ungleichheit, als Summe von nebulosen und einzeln lächerlichen Konflikten, aber insgesamt so unauflöslich wie das Leben zum Tode als peinliche Sache. Die Leidenschaft hat da keinen selbstverständlichen Raum mehr. Von Leidenschaften ist zwar die Rede, aber damit ist nicht das Verlangen gemeint, sondern allerlei Hobbys, die aus „gesicherter Defensive“ höchstens temporärer Geilheit als kleinem Machtspiel nachgeben und sich damit begnügen, Bedürfnis zu heißen, das es gilt zu befriedigen.

Unzeitgemäß ist diese Frau also, wie es scheint, Vera, meine Phaedra, die krank wird aus leidenschaftlicher Liebe zu ihrem Stiefsohn, der als Leistungssportler einer anderen Leidenschaft sich anheimgegeben hat, die alles Verlangen auf sich zieht. Tatsächlich unzeitgemäß?