palka.at punkt  

Gedichte

von bis nach seit

Besetzung
Biographie
Fotos

abstand

Erich Fried
Gedichte

 

GEDICHTE LESEN

Wer
von einem Gedicht
seine Rettung erwartet
der sollte lieber
lernen
Gedichte zu lesen

Wer
von einem Gedicht
keine Rettung erwartet
der sollte lieber
lernen
Gedichte zu lesen

 

BLÜTENTRÄUME

Auf Antrag der Tulpen und Astern
beschlossen die Blumen
in Hinblick auf die Weltlage
nicht mehr zu duften

"Erschüttert von dieser Mahnung
werden die Menschen
Maßnahmen treffen
die Kriegsgefahr zu verringern"

Doch die haben keine Nase
für Warnungen durch die Blume
Sie nennen sie unreife Pflanzen
und können sie nicht mehr riechen

Sie treiben es weiter
unverblümter denn je
Nur die Kunstblumenindustrie
blüht wie nie zuvor

 

DEUTSCHE ORTSNAMEN

Hungerbrunn
Siechenfeld
Büttelbach
Schlachtenmühl
Kriegshaber
Herrnberg

Rabenstein
Judenau
Wundenplan
Reuental
Frondorf
St. Knechten

 

LUST ZU FABULIEREN

Seit ich wirklich schreiben kann
schreibe ich meine Geschichten
nicht mehr nieder
sondern begnüge mich
mit der Inhaltsangabe
und gebe im Grunde nur an
weshalb ich meiner Geschichte
diesen Inhalt zu geben wünsche
beziehungsweise
welche Inhalte ich
verbergen will
hinter dem scheinbaren Inhalt
und füge in einer Fußnote hinzu
aus welchen inhaltlichen
und formalen Gründen
ich schließlich Abstand nehme
von dieser Absicht

 

VIELLEICHT

Gedichte
die viel zerstörbarer sind
als Stein
werden vielleicht
mein Haus aus Stein
überdauern

Wenn sie alt werden
werden sie
nicht
greisenhaft werden
wie vielleicht ich
Sie werden keinem
zur Last fallen
wie vielleicht ich

Und sie werden vielleicht
etwas
von dem
was ich bin
bewahren

wenn ich
es nicht mehr
bewahren kann
vor oder in
meinem Tod

 

ZULETZT

Optimisten versichern mit ermutigender Beharrlichkeit immer wieder, daß der Geist und die Seele des Menschen nach dem Tod ihre unvollendete Lebensarbeit fortsetzen können. Das Schöne und Bestechende an dieser Ansicht ist ihre menschenfreundliche Erklärung für die verhältnismäßig lange Dauer des Todes im Vergleich zur Kürze des Lebens.
In diesem kurzen Leben nämlich geraten Geist und Seele trotz oder gerade wegen der Kürze der verfügbaren Zeit durch unaufgearbeitetes Material in so große Bedrängnis, daß zu guter Letzt, wenn beide, der Geist und die Seele, sich nicht allzu sehr abhetzen, ja aneinander aufreiben sollen, die längere Zeitspanne vom Tod bis zum Jüngsten Tag nur gerade ausreicht, um wieder halbwegs Ordnung zu schaffen.

Theaterarbeit
palka.at
inszenierung.at